Berlin : Johannes Raffel (Geb. 1984)

Es geht eher gemütlich vorwärts, aber konsequent.

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Der perfekte Abend im November. Mit seiner neuen Freundin und zwei Freunden war Johannes im „Lido“ in Kreuzberg. Ein Soulkonzert von Charles Bradley, einem Mann, der mit 14 von zu Hause ausgerissen war, auf der Straße gelebt und mit Anfang 60 sein Debütalbum herausgebracht hat. Nach dem Konzert ging er verschwitzt und lächelnd durch die Reihen und umarmte auf seinem Weg zur Theke alle Leute. So einen Abend vergisst man nicht.

Johannes ist jung, 26. Ein Glückskerl, dem alles zu gelingen scheint, die Leichtigkeit des Seins. Kein Leben auf der Überholspur, es geht eher gemütlich vorwärts, aber konsequent. Johannes ist gern unter Leuten, er kommt mit allen klar. Gute Voraussetzung für einen Chef.

Seit Mai 2010 ist er Geschäftsführer von Youth Bank Deutschland e. V. Von der Bank hat er zum ersten Mal auf dem „Festival für junge Politik“ vor sechs Jahren in Berlin gehört. Sie gibt Jugendlichen Geld, die Projekte umsetzen wollen, ohne auf die Alten angewiesen zu sein. 400 Euro etwa für den Druck einer Schülerzeitung. Alles Gemeinnützige und Rechtskonforme ist möglich, alleine Jugendliche müssen dahinterstecken.

Als Kind war Johannes bei den Pfadfindern. Jetzt sieht er eine Chance, sein soziales Engagement als junger Erwachsener fortzusetzen. Zurück in Oldenburg, wo er studiert, gründet er mit einem Kommilitonen eine Dependance. 2010, als er ein Auslandssemester in Polen absolviert, bewirbt er sich als Geschäftsführer in Berlin – und wird genommen. Mit einem Fuß noch in Polen, wo er gerade seine Masterarbeit geschrieben hat, beginnt er den Job. Er ist gerade einmal 25.

In seiner ersten Teamsitzung als Geschäftsführer gibt es eine Vorstellungsrunde – kein Aufsagen von Lebensdaten: „Als welches Tier seht ihr euch?“, so seine Frage, und er selbst fängt an: „Ich sehe mich als Fisch … so als Robbe halt. Robbe passt gut, weil ich ’ne totale Wasserratte bin.“

So widersprüchlich wie dieser Satz ist er manchmal: Johannes, der in drei deutschen Städten, in Australien und Polen studiert hat, der aber in Berlin einen Ausflug über die Bezirksgrenze Friedrichshain-Kreuzbergs schon als halbe Weltreise empfindet.

Für 2011 hat er sich vorgenommen, nebenbei noch in einer Bar zu arbeiten: „Da kann ich selbst ein bisschen feiern, lerne neue Leute kennen und kann umsonst trinken.“ Dabei weiß er überhaupt nicht, wie man Cocktails mixt. Trotzdem steht er bald im „Soylent“ in Friedrichshain hinterm Tresen. Das mit den Cocktails hat er im Einstellungsgespräch verschwiegen.

Johannes ist keiner, der aus dem Bauch heraus entscheidet. Er fragt andere um Rat, egal, ob es um Liebe, Karriere oder eingewachsene Fußnägel geht.

Der Novemberabend im Lido war ihr letzter gemeinsamer Abend. Am nächsten Tag fliegt Johannes mit einem Studienfreund nach Istanbul. Dort mieten sie sich ein Auto. Die Straße ist nass, in einer Kurve geraten sie auf die Gegenfahrbahn. In diesem Augenblick kommt ihnen ein Wagen entgegen. Über der Traueranzeige steht ein Goethe-Zitat: „Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.“

Johannes war der perfekte Chef, sagen seine Mitarbeiter, seine Freunde. Weil er ihnen nie das Gefühl gegeben hat, dass er was Besseres ist, dass er der Chef ist.

Was ist perfekt? Perfekt ist eine Vergangenheitsform. Jan Mohnhaupt

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