Berlin : Johnnie Walker im Dschungel

Ein Schreck – und die erste Geschichte: Was Professor Bernstein als junger Mann auf Neuguinea erlebte und warum ihn seither nichts mehr erschüttern kann

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Ida Meier bemerkte es zuerst. Gerade wollte sie, zigarettensüchtig und daher in großer Eile, schwungvoll die Glastür aufstoßen, um die SüdseeAbteilung des Ethnologischen Museums zu verlassen, da durchfuhr ein heftiger Schmerz ihr Handgelenk. „Aua!“ rief sie, gleichermaßen empört über den Schmerz, die unerwartet widerspenstige Tür und das Leben im Allgemeinen. Ungläubig rüttelte sie an der Griffleiste, vergebens. Die Tür blieb zu.

In plötzlicher Panik drehte sie sich um. Hinten bei den Auslegerbooten erkannte sie zwei Männer. Sie kamen jetzt auch zur Tür, schlugen auf die Sicherheitsscheibe und riefen nach den Aufsehern. Die einzige Reaktion war ein Knacklaut, mit dem die Vitrinenbeleuchtung erlosch. Nur noch schwache Notlichter erhellten den Saal und ließen die Segelboote und Einbäume an der Stirnseite des Raums gespenstisch groß wirken. Eine erregte Viertelstunde lang liefen die eingeschlossenen Besucher fluchend durcheinander, auf der Suche nach weiteren Ausgängen oder Alarmknöpfen. Schließlich trafen sie sich auf dem Platz vor dem Männerklubhaus von Palau. Auf dem Boden in der Mitte des Platzes thronte eine Figur, die Ida Meier zunächst für ein Exponat hielt. Erst nach ein paar Sekunden bemerkte sie, dass es ein lebendiger Mann war, der da im Schneidersitz vor ihr saß, klein, schmächtig, bebrillt. „Was hocken Sie hier blöde rum?“, fragte sie, noch ärgerlicher als zuvor. „Wollen Sie hier versauern oder was?“D.N.

Die Geschichte von Jakob Hein

„Durchaus nicht“, antwortete Professor Bernstein und rückte sich kurz das Jackett seines Anzugs zurecht. „Ich will Ihnen gern sagen, warum ich mich hier niedergelassen habe. Das hat mehrere Gründe. Sie sehen ja selbst, welche Anziehungskraft ein Platz ausüben kann. Selbst in dem kleinsten Dorf, in einer kleinen Stadt, kann man den Marktplatz schon spüren, wenn es noch unmöglich ist, ihn zu sehen. Es geht ein Sog von der lichten Weite inmitten architektonisch bemessener Enge aus. Und die Anziehungskraft dieses Platzes hier vor dem Männerhaus erschien mir in unserer Situation geradezu magnetisch. Ich wusste, wenn ich mich einfach hinsetzen und abwarten würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis wir alle hier versammelt wären. Und das ist, meiner Meinung nach, das Vernünftigste, was wir tun können.

Als vorhin das Licht ausging, sah ich, wie Sie an den Klinken rüttelten, gegen die Türen klopften und laut riefen. Ich wusste, dass es sinnlos ist. Mit diesen Türen werden die Schalen der Asmat seit Jahrzehnten vor Diebstahl geschützt, sicherlich werden wir sie nicht mit Fäusten oder Nagelfeilen öffnen können. Schließlich kenne ich dieses Museum wie meine Westentasche. Ich habe hier schon als Student gearbeitet und auf keinem meiner Besuche in Berlin habe ich versäumt es zu besuchen. Und ich darf sogar sagen, dass einige der ausgestellten Exponate von mir persönlich für das Museum erworben wurden. Daher weiß ich, dass es hier keinen geheimen Ausgang gibt, keinen doppelten Boden und dass die Türen gut gesichert sind.

Ohnehin kann ich unsere Lage nur als relativ unbequem ansehen. Sehen Sie, wir haben ein festes Dach über dem Kopf, die Raumtemperatur und sogar die Luftfeuchtigkeit werden konstant auf ein mehr als erträgliches Maß geregelt und vor sehr kurzer Zeit habe ich ein ausgesprochen opulent zu nennendes Mahl eingenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir sehr bald gefunden werden, ist ausgesprochen hoch. Zu allem Überfluss verfügen wir noch über Toiletten, in denen uns auch noch ein unerschöpfliches Maß an Trinkwasser zur Verfügung steht. Nein, ich kann unsere Lage nicht zum Anlass für eine Panik nehmen.

Ich erinnere mich, wie ich als junger Wissenschaftler im Sepik-Tal auf Neuguinea unterwegs war. Damals war ich noch überzeugt, mit meinen Forschungsergebnissen binnen kurzem die gesamte akademische Welt erschüttern zu können. Ich war bei einem Stamm der Kambringi gewesen und hatte phantastische Schnitzkunst erworben. Mein Führer war ein Melanesier, der Johnnie genannt werden wollte, nach dem kleinen Mann im roten Anzug und Zylinderhut auf dem schottischen Getränk. Für Johnnie verkörperte dieses Bild die Krone von Würde und Eleganz und er träumte davon, einmal in seinem Leben auch solche Kleider zu tragen und mit einem Spazierstock mit Silberknauf über Neuguinea zu spazieren.

Als wir in dem Dorf fertig waren, wollte ich sofort nach Wewak zurück, eine kleine Stadt an der Nordküste der Insel. Unglücklicherweise hatte Johnnie beschlossen, noch etwas Zeit bei den Kambringi – beziehungsweise bei einer bestimmten Kambringi – zu verbringen. Er sagte zu mir, er würde bald kommen. Damals hatte ich den Zeitbegriff der Melanesier schon zur Genüge kennen gelernt. „Gleich“ bedeutete irgendetwas zwischen zwei Stunden und drei Tagen, aber „bald“ konnte zwischen einer Woche und einigen Monaten dauern.

Ich war ungeduldig und arrogant genug gewesen, den Weg allein zurück finden zu wollen. Ich meinte, einfach meinem Kompass nach Norden folgen zu müssen. Sie müssen wissen, dass es auf Neuguinea keine Straßen gibt. Aber es gibt auch keine Wege oder Pfade. Es gibt nur die Küste, den Dschungel und das Gebirge. Das Maoke-Gebirge ließ ich in meinem Rücken und marschierte los. Aber als ich gerade in den Dschungel getaucht war, überraschte mich der Regen. So etwas wie den Regen auf Neuguinea habe ich nie wieder erlebt. Es ist tatsächlich, nicht sinnbildlich so, als ob Wasser aus bodenlosen Eimern von oben heruntergeschüttet wird.

Nach kurzer Zeit fühlte ich mich schon selbst wie ein kleiner Schluck Wasser, der durch ein Meer fließt. Meine nasse Kleidung verfing sich immer wieder in den Ästen und zerriss sofort. Ich konnte nichts mehr erkennen und zu allem Überfluss stellte sich auch noch heraus, dass der Kompass nicht so wasserdicht war, wie mir der Verkäufer in dem Berliner Campingausrüster versichert hatte. Die Nadel schwamm nur noch auf dem Wasser und war unfähig, mir bei meiner Suche zu helfen.

In den Bäumen saßen Papageien und Kasuare, die vor dem Regen Schutz gesucht hatten, und schauten mitleidig meine zerlumpte und durchnässte Erscheinung an. Es waren nur dumme, Insekten fressende Vögel, aber in dem Moment beneidete ich sie um ihr Orientierungsvermögen im Dschungel. Meine Gemütsverfassung schwankte zwischen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Sonne untergehen würde und mit ihr meine letzte Hoffnung. Ängstlich, geradezu panisch begann ich darüber nachzudenken, wie ich mich ernähren sollte. Plötzlich erschien es mir als eine unglaubliche Verschwendung, ein Huhn zu töten, um es zu essen, wenn man doch täglich dessen Eier essen konnte. Ein Huhn, dachte ich wie von Sinnen, ein Huhn, dann bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen. In meiner Panik sah ich mich schon im Dschungel Neuguineas sterben, immerhin ein würdiger Tod für einen Studenten der Ethnologie.

Als ich gerade mit dem Leben abgeschlossen hatte, kam Johnnie auf mich zu. Ich konnte mein Glück kaum fassen. „Bah, ich habe doch gesagt, ich komme bald, Michael“, sagte er verwundert. Und bevor ich ihn in eine überflüssige Diskussion über den melanesischen Zeitbegriff verwickelte, sagte ich nur: „Ja.“ Für Johnnie war der Dschungel so übersichtlich wie der Stadtplan von Manhattan. Wir erreichten in wenigen Stunden Wewak, wo ich glücklich in mein Bett fiel. Johnnie schaute überrascht auf mein großzügiges Trinkgeld, aber für mein Leben fand ich den Preis sehr niedrig. Seit diesem Tag macht mich so leicht nichts mehr unruhig.

Vorhin, als das Licht ausging, stand ich bei den Einbäumen und dachte darüber nach, wie groß doch die Neugier des Menschen sein muss, dass er mit solchen Gefährten sein Schicksal in die Hand der Naturgewalten des Meere legt, nur um eventuell woanders etwas zu finden, das möglicherweise anders ist. Obwohl doch der Mensch tagtäglich die Erfahrung macht, dass „anders“ ganz selten „besser“ heißt! Trotzdem begibt er sich auf mörderische Expeditionen und schafft es in diesen ausgehöhlten Bäumen rudernd von Neuguinea bis Buka und Kiriwina. Bei allem Benzin, Diesel und Kerosin, dachte ich, der mächtigste Treibstoff auf dieser Erde ist doch immer noch die menschliche Neugier. Und so denke ich, dass es uns doch möglich sein sollte, die Zeit des Wartens mit ein paar Geschichten zu vertreiben.“

Die Geschichte von Jakob Hein wird morgen im Kulturradio des RBB gesendet. Die zweite Geschichte von Michael Kleeberg folgt am Donnerstag im RBB („Leseprobe“, 10.45 Uhr), am Freitag im Tagesspiegel.

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