Berlin : Jon Flynn & Band: Wer riecht hier nach Fisch!

Norbert Tefelski

Die Rolle des zerknautschten Altrockers steht ihm hervorragend. So wie Harald Juhnke den Icke-Sinatra, so gibt Jon Flynn eine sprechsingende Jagger-Schnute - als Karikatur einer Rockrampensau, exaltiert und strumpfbehost die Bühnenbretter vermessend. Seine unsinnspoetischen Verse kreisen um nekrophiles Feeling, Platz-Angst (Angst vorm Platzen), die letzten Gedanken einer verglimmenden Zigarette oder die Reise im "Rocketship, designed by Mies van der Rohe". Skurrile Inhalte zu fantasievollem Mummenschanz - so kennt man den britisch-kreuzbergerischen Performer aus immerhin 26 Soloprogrammen, mit denen er seit 1989 das Englisch sprechende Off-Theater-Publikum erfreute.

Im Tränenpalast stellte er vergangene Woche sein drittes Musikprojekt nebst frisch gebrannter CD vor: "Fish Dish". The Vintage Velvets, die siebenköpfige Band, packt Flynns manieriertes Spiel mit Worten, Gesten, Kostümen in einen kraftvollen Sound, der hypnotisch-monoton direkt aus den Sixties emporsteigt, am Wegesrand liegende Moden einsammelt, um sich schließlich in einem intellektuellen Mix zu befreien: Die klassische Beat-Combo plus Geige plus Cembalo plus Antonio Palesanos dominierendes Trompetenspiel mit hektischen Achtelketten à la Miles Davis. Neben diesen handverlesenen Instrumentalisten gönnt sich der führende Paradiesvogel eine stimmlich unauffällige, aber sehenswert grotesk agierende Anspielpartnerin. "Rockzirkus"? Ja, bitte: Choreografiert bis in die Fingerspitzen führt er gemeinsam mit Megan Gay den Hit des Abend vor, ein Coversong: Die mitreißend dynamische Fassung von Lou Reeds "Walking In The Rain" unterstreicht Flynns stilistische Basis - so programmatisch, dass sie erneut als Zugabe zelebriert wird.

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