Berlin : Jonathan Nevermann (Geb. 1983)

Nur nicht ins Grau des Alltäglichen verfallen.

von

Jonathan“, sagt Julian Stoeckel, und schlägt elegant die Beine übereinander, „suchte nach Anerkennung. Er wollte so gerne berühmt sein.“ Wie auch Julian Stoeckel selbst, der als Schauspieler, Model und Agenturchef arbeitet.

Kennengelernt haben sich die beiden vor zwei Jahren auf der Berliner Fashion-Week. Jonathan war jung und sah gut aus. Damit fiel er nicht weiter auf zwischen all dem anderen Modevolk, „ihn aber umgab etwas Exotisches und Geheimnisvolles“. Er hatte schulterlanges, braunes Haar, dunkle Augen, eine lange Nase. Die chilenischen Gesichtszüge, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Am liebsten trug er weiße, weit aufgeknöpfte Hemden, die den Blick auf seine muskulöse Brust freigaben.

„Wer ist das? Wer ist dieser schöne Mann? Ich fragte herum, bis ich jemanden fand, der uns einander vorstellte.“ Sie kamen miteinander ins Gespräch, und Julian erfuhr, dass der Schöne für ein Mode- und Aktienportal arbeitete. Der Chef dieses Portals hatte beschlossen, parallel zum Internet-Geschäft ein Modemagazin herauszubringen, das „Magazine F“. „F“ wie Fashion. Jonathan war Herausgeber. Er plante gerade die erste Ausgabe.

Julian und Jonathan verstanden sich sofort. „Wir wurden – Brüder? Beste Freunde? Wie auch immer, wir waren uns sehr nah.“ Beide liebten es, sich herauszuputzen, beide gingen gerne an Grenzen und darüber hinaus. Einmal rief Jonathan Julian mitten in der Nacht an: „Was machst du gerade?“ – „Ich schlafe, Jonathan.“ – „Lass uns spazieren gehen.“ – „Jetzt?“ – „Ja.“ Und während Julian sich noch die Augen rieb, klingelte Jonathan schon an der Tür. Sie flanierten durch die stillen, dunklen Straßen und tranken dabei Champagner. Einer von vielen Einfällen, mit denen Jonathan seine Freunde und Freundinnen wach hielt. Nur nicht ins Grau des Alltäglichen verfallen. Sein Leben sollte nicht das eines Jedermann sein. Im Kampf gegen die Langeweile war er sich für nichts zu schade, und sei es Flaschendrehen: Sag mir, was dein Fetisch ist.

Er hatte viele Bekanntschaften. Er wurde gemocht und begehrt, vor allem Männer machten ihm den Hof. Er liebte die Frauen. „Jonathan wollte die große Liebe finden. Eine Frau, die ihn versteht.“

Ihn zu verstehen, war nicht leicht. Neben dem fröhlichen, eitlen, lebenshungrigen Jonathan gab es einen einsamen, empfindsamen, zweifelnden Jonathan. Einen, der sich unangekündigt für mehrere Wochen zurückzog. Der bei Facebook ein Zitat von Vincent van Gogh postete: „Mancher hat ein großes Feuer in seiner Seele, aber niemand kommt, um sich daran zu wärmen.“

Julian wartete in solchen Zeiten einfach darauf, dass Jonathan wieder auftauchte. „Ausgeheult hat er sich bei mir nie.“ Doch das Wenige, was Julian von Jonathan wusste, reichte, um dem Freund Verständnis entgegenzubringen: Jonathan, geboren in München als eins von sechs Geschwistern, hatte einen Teil seiner Kindheit im Heim verbracht. Mit 20 flüchtete er mit nichts als einem Koffer nach Berlin, machte ein Praktikum bei dem Modekonzern „Kilian Kerner“ und lernte dort den Chef des Internetportals kennen. Das München in ihm aber hörte nicht auf zu schmerzen. Ein Text, den er während einer Fahrt in seine Heimatstadt ins Internet stellte:

„München hier bin ich du Hort all meiner jugendlichen Demütigungen Quell all meiner Unsicherheit du formtest mein sexuelles Laster und bildetest mein moralisch labiles Grundgerüst an dem ich später scheitern sollte und nachts oft weine, wenn ich Michael Jackson höre jetzt bin ich zurück stärker als je zuvor und werde dir in deinen fetten selbstherrlichen Arsch treten.

Als Herausgeber des „Magazine F“ fühlte er sich nicht länger wie ein Wehrloser. Er gehörte nicht mehr zu den Duldern, er war endlich selbst ein Entscheider. Doch als sich dann abzeichnete, dass das Magazin nicht den gewünschten Erfolg hatte, bekam die neue Rolle Risse. Nach der zweiten Ausgabe zogen sich Werbekunden zurück, die Branche spottete. Jonathan sprach vom Scheitern. Julian versuchte, ihn zur Besinnung zu bringen: „Überleg doch mal, was du schon geschafft hast! Wer hat schon ein eigenes Magazin lanciert? Andere studieren sich wund! Du bist 25!“

Ende letzten Jahres verkündete Jonathan zwei Pläne: Er wollte gemeinsam mit Julian ein Buch schreiben. Um Mode, Sex und Intrigen sollte es gehen. Um all das also, was er in Berlin gelernt hatte. Der zweite Plan, von dem er sich neuen Lebensmut versprach, war, das Jahr 2010 zum „Jahr der Dekadenz“ zu erklären. Hemmungslos der Arroganz und der Eitelkeit frönen.

Soviel einkaufen, bis die Tüte reißt, danach dem Penner von der Straße einen Multikornriegel in die Hand drücken, den sein Magen eh nicht verträgt, bei der Fahrt nach Hause den U-Bahn-Musikern einen 5-Euro-Schein in die Hand drücken, damit sie aufhören zu spielen, eine Limited gründen, um sich auch einmal in seinem Leben Geschäftsführer nennen zu dürfen, bei Hugo einen Mantel in Fischgrätenoptik auf Kredit holen …

Auch dies ein Facebook-Eintrag.

Auf der Fashion-Week saß er in der ersten Reihe, eine Platzierung, die für ihn einer Krönung gleichkam: Er gehörte zu den „VIP“. Er meinte, geschafft zu haben, was er sich vorgenommen hatte: kein Jedermann zu sein. Und doch fürchtete er, dass er schon bei der nächsten Veranstaltung in die letzten Reihen zurückgesetzt werden könnte. Um so wilder feierte er am letzten Abend der Veranstaltung im Friedrichstadtpalast.

Der Göttlichkeit so nah zu sein sich aber gleichzeitig seiner irdischen Grenzen bewusst zu sein – unbezahlbar, schrieb er am Tag nach der Feier. Das klang nach einem, der glücklich ist. Keiner ahnte seinen Plan, die irdischen Grenzen verlassen zu wollen. Am Tag darauf betrat er das Büro des „Magazine F“ zum letzten Mal. Dort setzte er seinem Leben ein Ende. Anne Jelena Schulte

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