Berlin : Josefine Schuchardt (Geb. 1908)

Sie war mal Solosängerin im Kirchenchor von Niederorschel.

Thomas Loy

Eine goldene Kutsche kommt vorbei, um Christel, die Handschuhmacherin, zu ihrem Verehrer zu bringen. Zar Alexander hat neben seinen politischen Terminen noch Zeit gefunden, sich in eine Schönheit aus dem Volk zu verlieben. Christel steigt ein und singt: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder.“ Millionen Kinobesucher sind zu Tränen gerührt.

Im Film spielt Lilian Harvey die Christel. In der Pappelallee, Prenzlauer Berg, besetzt Josefine die Rolle. Singend steht sie in der Küche, schaut nach dem Braten, schält die Kartoffeln, rührt die Mehlschwitze. Sie ist eine passionierte Vorsichhinsängerin klassischer deutscher Operettenmelodien. „Das gibt’s nur einmal ...“ hat sie ganz sicher öfter dargeboten als Lilian Harvey. In ihrer Jugend war sie mal Solosängerin im Kirchenchor von Niederorschel im katholischen Eichsfeld.

1931 kommt der Revuefilm „Der Kongress tanzt“ in die Kinos. Josefine ist gerade „in Stellung“, als Kindermädchen in Düsseldorf. Ihr Leben ist noch ein offenes Buch mit vielen unbeschriebenen Seiten. Nichts ist ausgeschlossen bis auf den Besuch eines russischen Zaren.

Michael Schuchardt, angehender Malermeister, ist ein hochgewachsener Mann mit guten Manieren. Mit dem Film-Zaren Paul Hörbiger kann er sich messen. Er trifft Josefine auf einer Dampferfahrt die Spree hinauf, tanzt mit ihr und lässt sie nicht mehr los. 1936 heiraten die beiden, nach der Erstkommunion das schönste Ereignis in Josefines Leben.

Die Pfarrer im Eichsfeld erklärten das Beten, Fasten, Arbeiten und den regelmäßigen Gottesdienstbesuch für heilswirksam. Josefine sah keinen Anlass, ihnen zu widersprechen. Das Harmonische lag in ihrer Natur. Und das Dienen und Arbeiten machte ihr nichts aus. Josefine hat immer gearbeitet, aber weil sie immer arbeitete, fiel es gar nicht weiter auf.

Malermeister Schuchardt musste in den Krieg ziehen. Zweimal im Jahr kam er zu Besuch nach Hause und lernte seine kleinen Kinder kennen. Josefine wollte ein Foto machen lassen, aber Michael sagte, er sei ja schon Weihnachten wieder da. Josefine bestand auf einem Belichtungstermin. Die Kinder, man sieht es, hatten sich gerade um einen Ball gezankt, als der Blitz aufleuchtete. Es ist das letzte Foto der Schuchardts als intakte Familie.

Josefine erlebte die letzten Kriegsmonate bei ihren Verwandten im Eichsfeld. Die hatten Höfe mit Vieh und Ackerland. Zum Glück gab es viele Verwandte, mindestens zehn Onkel und ungezählte Cousinen. Als ihre ältere Tochter im Mai 1945 Erstkommunion hatte, überflogen amerikanische Flugzeuge den Ort. Der Organist griff dunkle, schwere Akkorde, um den Lärm der Maschinen zu übertönen. Alles ging seinen katholischen Gang. Nur das Foto, draußen vor der Kirche mit der Taufkerze in der Hand, musste ausfallen. Später wurde es nachgestellt und zu den anderen Erstkommunionsfotos geklebt.

Als Josefine und die Kinder zurückkehrten in die zerborstene Reichshauptstadt, war die Wohnung in der Pappelallee noch intakt, nur das Schlafzimmerinventar fehlte, und eine Flüchtlingsfamilie war eingezogen. Josefine protestierte nicht, sie teilte. Auf der russischen Kommandantur stand sie an wegen einer Aufenthaltsgenehmigung. Ohne Genehmigung gab es keine Lebensmittelkarten. Sie bekam keine Genehmigung, ging nochmal zur Kommandantur, bekam keine, ging wieder hin. Es ging nicht ohne Lebensmittelkarten, das sahen irgendwann auch die Offiziere ein. Das Schlafzimmer fand sich wieder im Fundus der Polizei. Der Dieb war gefasst worden, trotz aller Wirren.

Josefine arbeitete an der Kasse im Lebensmittelgeschäft ihrer Cousine in der Nähe vom Kurfürstendamm. Sie verdiente nicht viel, aber immerhin Westgeld. Wenn sie frei hatte, trug sie einen Teil des Geldes in die Stoffabteilung des KaDeWe. Die edlen Tücher schmuggelte sie unterm Mantel in den Osten. Einmal hingen ein paar Bänder heraus, der Grenzer wies mit dem Finger drauf und sagte: „Da ist was nicht in Ordnung bei ihnen. Gehen Sie doch mal auf die Toilette“. Es gab eben auch Grenzer, die nett waren. Oder besonders trottelig.

Josefine hatte Nähen gelernt, bevor sie auf der Klosterschule in Erfurt mit allen übrigen hauswirtschaftlichen Verrichtungen vertraut gemacht wurde. Sie nähte alle Kleider selbst, machte Strümpfe aus Zuckersäcken, Sommerkleider aus Fallschirmseide, arbeitete alte Sakkos zu modischen Jacken um, schnitt Zipfelmützchen und Schürzchen zurecht, nähte Bänder und Trotteln an, stickte Muster drauf. Sie putzte die Kinder heraus, dass sie sich nicht nackt und wehrlos fühlten in der Welt, sondern wertvoll, stark und stolz, eingeflochten in den festen Strang der Traditionen.

Als die Mauer gebaut wurde, war der Weg zur Arbeit abgeschnitten. Josefine blieb zu Hause und nähte noch mehr Kleider, bekochte Verwandte auf der Durchreise und wurde zum Mittelpunkt der weit verstreuten Familie. Und zu ihrem Gedächtnis.

Ihren 99. wollte sie nicht mehr feiern wie die vielen Geburtstage davor, mit Kindern, Enkelkindern, Sonntagsbraten und Kuchen. Dafür fuhren die Töchter sie ins KaDeWe, das auch gerade Geburtstag feierte, den 100. Am folgenden Sonntag wollten sie wie jeden Sonntag in die Kirche, aber Josefine war kurz vorher in den Himmel abgereist. So, wie sie es sich gewünscht hatte. Einschlafen und im Himmel aufwachen. Wahrscheinlich ist eine goldene Kutsche vorgefahren, um sie abzuholen. Thomas Loy

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