Berlin : Josty: Bohnenkaffee und Journale

Lothar Heinke

"Josty mit dem Glasvorbau ... ja, Kinder, wenn ich das so vor mir habe, da wird mir wohl, da weiß ich, daß ich mal wieder unter Menschen bin, und darauf mag ich nicht verzichten" - so lobte einst Theodor Fontane, und so oder so ähnlich soll es wieder werden. Der Name des Cafés Josty vom Potsdamer Platz lebt ab kommenden Freitag wieder auf; unter dem gläsern-monumentalen Regenschirm des Sony-Centers, direkt neben dem Springbrunnen, zeigt sich der einstige Treffpunkt von Künstlern und Literaten in modernem Gewand. Wie früher soll es mehr als ein Dutzend Torten geben, "von bester Qualität", einen speziell für das Café gerösteten Bohnenkaffee und dazu 50 Zeitungen und Journale aus aller Welt. "Das Josty wird ein Ort sein, an dem man im Herzen der Großstadt ausruhen kann. In einer Atmosphäre, die so einzigartig ist wie der Platz, an dem man sitzt." So erhofft es sich Gerhard Lengauer, Geschäftsführer und einer von vier Gesellschaftern, denen Sony schließlich den Zuschlag für das (fast) komplette kulinarische Ensemble schräg gegenüber dem "Lindenbrau" gegeben hat.

Drei sehr unterschiedliche gastliche Stätten erwarten ihre Besucher: Zunächst betritt man das Café Josty. Oder man setzt sich davor an Marmortische auf einen der 300 (!) Terrassenplätze, "das sind Holzstühle mit Armlehnen, zum Hineinfallen und Ausruhen". 60 Plätze hat das Innen-Café mit rotem Travertin-Fußboden, dunklen Holztischen und cognacfarbenen, lederbezogenen Stühlen. In seinem Design soll es an Londoner oder New Yorker Coffee-Bars erinnern. Für die Tasse Kaffee muss der Gast fünf Mark bezahlen. Als Erinnerung an jene Zeiten, als das Josty direkt am Auspuff des quirligen Verkehrs am Platze lag, wird ein "kaiserlicher Kuchen" nach einem uralten Rezept kredenzt.

Über dem Café, im ersten Stock, bittet ab 8. Mai das asiatische Restaurant "Kaizen" zu Tisch. "Soups and more" soll es geben, der Name sei Programm, denn "Kaizen" heißt "stetige Verbesserung" - diese Philosophie, kulinarisch ergänzt durch zahlreiche japanische Ramen- (Nudel-)Suppen von Fischen und Hühnern, diversen Sushi und zehn verschiedenen Sorten gekühlten Reisweins (Sake), dürfte den Sony-Chefs so gefallen haben, dass die Kaizen-Gastronomie den Zuschlag bekam. "Zwei Geschäftsführer sind Berliner und garantieren das lokale Bodenständige", sagt Benjamin Groenewold, einer von ihnen, die anderen beiden - Gerhard Lengauer und Josef Laggner aus dem Restaurant Lutter & Wegner - kommen aus Österreich, haben aber längst jahrelange Erfahrungen im Umgang mit dem Berliner Publikum. Im Kaizen stehen massive Bänke und Tische mit insgesamt 160 Plätzen; hier hat der Gast einen Blick auf das überdachte Sony-Forum und in die Restaurant-Küche unter der Oberhoheit von Peter Krause ("Dressler").

Beim Glanzstück des Ensembles, einem verschnörkelten, golden schimmernden barocken Raum hinter Glas, drücken sich schon seit Wochen die Leute die Nasen platt. Der einstige Frühstückssaal des Hotels Esplanade ragt wie eine Vitrine ins Platzgefüge. Hier sitzt man ab Freitag auf einem Präsentierteller, "aber für den Touristen mit kurzen Hosen, der seinen Rucksack über die Lehne des Ledersessels wirft", ist das Ganze nicht gedacht. Es geht vornehm zu im alten "Esplanade"-Frühstückssaal, der in 500 Teile zerlegt und dann wieder zusammengesetzt worden war, weil er der Verbreiterung der Potsdamer Straße im Wege stand.

Wenn die Chefs auf das Angebot ihrer Champagner- und Cocktailbar zu sprechen kommen, glänzen ihre Augen: Große Mengen gemixter Drinks erwarten die Besucher, edelste Weinbrände, steinalte Whiskys. "Dies soll ein Highlight auf dem Platz sein, und wir wollen, dass sich andere an uns messen und nicht umgekehrt", sagt der selbstbewusste Herr Lengauer, dem nicht bange ist, dass das gastronomische Trio Erfolg hat - "schließlich arbeiten und wohnen inzwischen 13 000 Leute am Potsdamer Platz, und dann rechnen wir mal noch die Touristen dazu ..."

Der so spektakulär auf Luftkissen um 75 Meter verschobene und für eine Menge Geld restaurierte Kaisersaal gehört übrigens nicht zum Ensemble. Er soll Hülle und Rahmen für ein exklusives Restaurant sein, dem noch der Kopf und damit der weitere Ausbau fehlt. Nach Auskunft von Sony soll es "viele Bewerber und Gespräche" geben, aber mehr ist nicht zu erfahren. Auch über den Mietzins für die 2000 Quadratmeter Gastronomie von Josty-Café, Nudelsuppen-Bar und Cocktail-Barock schweigt man sich aus. "Immer zu viel", sagen die Leute von Kaizen und lächeln fernöstlich dazu ...

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