Berlin : Juan ist bald kein Berliner Bär mehr

Heute soll der Ausbrecher wieder zu sehen sein – doch der Zoo will ihn wegen Revierkämpfen abgeben

Annette Kögel

„Juan ist ausgebüchst? Dann weiß ich, welcher Bär das ist.“ Elke Grützmacher aus Tempelhof zeigt am Gehege auf die Stelle, an der sich der Brillenbär am Sonntag an der Wassergrabenmauer hochzog. Am Tag danach bekam die 54-jährige Stammbesucherin aber wie andere Schaulustigen den 100-Kilo-Koloss nicht zu Gesicht: Juan hatte Ruhetag, erholte sich hinter den Kulissen in einem gefliesten Käfig, spielte schon wieder mit Pappe, fraß gut. Ab heute können die Berliner den Flüchtling wieder sehen – aber vielleicht nicht mehr lange. Der Zoo will den Brillenbären an einen anderen Tierpark abgeben, wie Zoo-Chef Jürgen Lange dem Tagesspiegel am Abend sagte. Juan ist für das Freigelände offenbar zu groß geworden.

Sein Ausflug war Montag nicht nur am Bären-Freigehege Gesprächsthema im Zoo. Wie sich der Bär auf dem Stamm im Graben hochzog! Wie das Tier die Geräte auf dem Spielplatz testete und die Papierkörbe durchwühlte – „schade, dass ich nicht hier war, das hätte ich gern miterlebt“, sagt Elke Grützmacher. Wie andere Stammgäste hatte sie seit längerem beobachtet, wie Juan habe hochklettern wollen und dies auch einem Pfleger gesagt. Zoo-Vizedirektor Klös sagte gestern, die Kollegen hätten ihm gegenüber angegeben, nichts davon gewusst zu haben.

Was die Besucher gestern nicht wissen konnten: Juan hat sich möglichweise deswegen ein neues Terrain erobern wollen, weil es schon länger Revierrangeleien mit seinem Vater Navarro gibt. Die beiden Bären leben mit Juans Mutter Isabel zusammen auf dem Gelände. Wie der Zoo gestern berichtigte, ist Juan nicht schon 19 Jahre alt, sondern erst sechs Jahre jung – und damit sozusagen in der Pubertät. Da Bären Einzelgänger sind, wollte er sich offenbar selbstständig machen. Der Zoo wird nun noch intensiver nach einer neuen Heimat für ihn suchen – „er steht schon länger auf der Liste“, sagt Jürgen Lange. Er hätte den Bären am Sonntag lieber nicht auf dem Spielplatz gesehen. 2500 Gäste, Kinder, Eltern – und der Bär mittendrin: „Wir sind froh, dass alles so vorbildlich geklappt hat“, sagt Klös.

Er sei wenige Minuten, nachdem er einen Anruf erhalten habe, wie die Bären-Pflegerin am Gehege gewesen. Die Kritik einiger Gäste, es sei über 20 Minuten kein Offizieller zu sehen gewesen, weist Klös zurück: „Wir sind für die Besucher nicht zu erkennen, weil wir keine Uniform tragen.“ Es könne aber sein, dass zwischen Ausbruch und Anruf einige Minuten lagen. Viele Augenzeugen hatten den Fotoapparat gezückt und vergaßen darüber, zunächst ihre Kinder beiseite zu nehmen. Die Zoo-Chefs kritisierten das gestern als unverantwortlich – selbst, wenn dieses Mal alles gut gegangen sei.

Das Fahrrad übrigens, mit dem sich Juan auf dem Weg zum Spielplatz eine Weile beschäftigte, ist das Dienstrad von Heiner Klös. „Ich hatte es in den Weg gestellt, um ihn abzulenken.“ Mit Erfolg: Der Sattel war zerfetzt, ist aber ausgetauscht.

Ob den Bären die Eindrücke wohl beschäftigen? „Bestimmt, Tiere haben ja auch eine Seele“, meint Zoo-Gast Elke Grützmacher. „Wenn ich das so genau wüsste, säße ich nicht mehr hier“, sagt Heiner Klös schmunzelnd. Einige Besucher gaben Weintrauben und Honig bei den Pflegern ab, vielleicht ein Trost.

Der Graben ist nun gereinigt, bis auf den Stamm lag nichts im Wasser. Auch andere Gehege werden jetzt überprüft. Frau Grützmacher wird Juan sicher begrüßen: „Ich liebe die Tiere hier, und die Stille.“

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