Jubeljahr 1987 : Zum Jubiläum ein Party-Umzug durch Ost-Berlin

Zum 750. Stadtjubiläum im Jahr 1987 gab es einen großen Umzug durch Ost-Berlin. Und in Moskau begann die Götterdämmerung.

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Mit Pomp. Am 4. Juli 1987 zogen hunderte Festwagen durch den einen Teil der Stadt, vorbei am Palast der Republik. West-Berlin ignorierte man.
Mit Pomp. Am 4. Juli 1987 zogen hunderte Festwagen durch den einen Teil der Stadt, vorbei am Palast der Republik. West-Berlin...Foto: Günter Gueffroy/picture-alliance

Die Feier zu 750 Jahren Berlin? Da platzt es spontan aus Angelika Wachs heraus: Werd ich nie vergessen! Hab eine ganze Woche, Tag und Nacht, auf meinem Klappstühlchen vor dem Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt gesessen. In sieben Tagen sollte der Vorverkauf der Karten für die Konzerte und Gastspiele toller Künstler beginnen. Nachts kam der Volkspolizist. „Bürgerin, was machen Sie denn hier?“ Die Bürgerin war das Haupt der sozialistischen Wartegemeinschaft, die sich beim Schlafen und Kaffeeholen abwechselte. So entstanden Kunstfreundschaften.

Das Warten hatte sich gelohnt. An den köstlichsten Früchten vom Baum der Erkenntnis der Weltkultur durfte genascht werden: Wiener (aber leider nicht Berliner) Philharmoniker, Mailänder Scala, Loriot, Cats, Leonard Bernstein, Udo Jürgens, Milva und so weiter. Solch Hunger nach Kunst hatten „die da drüben“ nicht, da gab es das alles im Überfluss. Wir im Osten hatten immerhin das Privileg, dass die beiden Gründungsorte der Stadt an der Spree im Osten lagen. So taten unsere Oberen so, als gehöre „die besondere politische Einheit West-Berlin“ gar nicht dazu, also: einfach ignorieren. „Unsere Hauptstadt“ spielte denn auch die Hauptrolle im größten Festumzug aller Zeiten.

Die "Miss Berlin" führte den Festzug an

Unzählige standen von den „Linden“ bis zum Strausberger Platz Spalier, als am 4. Juli 1987 der Spielfilm der Geschichte vorbeirollte. Karl May und die Gräfin Cosel mit ihrem starken August waren ebenso dabei wie der lange verschwiegene Friedrich, der Große Zweite, dem immerhin zugestanden wurde, dass er die Kartoffel in die preußische Küche gezaubert hat. Ganz vorn auf einem großen Bären führte die frisch gekürte „Miss Berlin“ den Festzug an, und irgendwann, zwischen Uralt-Fischern und Mauerbauern, tauchten auch ein paar fidele FKKler auf. Margot Honecker soll not amused gewesen sein, als ihr Staatsratsvorsitzender-Gatte diesen Teil des Karnevalsumzugs besonders heftig beklatschte. Übrigens hatten am Montag danach die Ost-Berliner Zeitungen mindestens zwei Seiten Platz für den Jubeltrubel, dem „Tagesspiegel“ genügten 30 Zeilen für die Erwähnung der 300 bunten Bilder zu 44 Themen mit 924 Fahrzeugen, 375 Orchestern und 1000 Pferdefuhrwerken. Es war mächtig gewaltig.

Aber was tat der gemeine DDR-Bürger draußen im Land? Er meckerte, statt stolz zu sein auf seine altehrwürdige Hauptstadt. „Denen stecken sie alles hinten und vorne rein, und bei uns gibts reineweg gor nischt, da fällt der Putz von der Decke“, sagten die Leute, und sie hatten ja recht, obwohl an der Spree auch nicht immer Milch und Honig flossen. Manche Errungenschaft der Feierlichkeiten bereichert die Stadt aber bis heute: Gendarmenmarkt und Schauspielhaus, das komplette Alt-Berlin sein sollende Nikolaiviertel mit der wundervollen Kirche, das Grand Hotel in der Friedrichstraße.

Kuriose Geschichten zum Gründungstag

In Moskau begann die Götterdämmerung. Das DDR-Volk hatte die Phrasen satt, mit denen die allgemeine Stagnation garniert wurde. Es ist entsetzt, was Chefideologe Kurt Hager in einem „Stern“-Interview zu Veränderungen in der DDR in Anspielung auf Glasnost und Perestroika zu sagen hat. „Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Tapeten-Kutte hatte danach noch mehr Ausreiseanträge auf dem Gewissen, und der Wind of Change wehte stärker.

Eine kuriose Geschichte noch: Am Gründungstag Berlins, dem 23. Oktober, gab es einen Staatsakt im Palast der Republik. Gegen alle Bedenken nehmen zwei Grüne von der Alternativen Liste daran teil, Gabriele Vonnekold und Wolfgang Wieland. Doch am Palast sollten die merkwürdigen Gäste bitte nicht mit ihren Fahrrädern vorfahren. Also gaben sie die gegen Quittung am Grenzübergang ab und wurden zu den Feierlichkeiten mit dem Volvo chauffiert. Protokoll gerettet.

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