Berlin : Jubeln für Berliner Jungs

Wenn die Kroaten ihr Team feiern, dann auch mit Lokalpatriotismus: Zwei Spieler kommen aus Wedding, einer ist Herthaner

Ingo Schmidt-Tychsen/ Holger Wild

Was immer geschehen würde am Freitagabend in Wien – dass es in Berlin Autokorsos geben würde, war seit Tagen gewiss. Nicht nur bei einem Sieg der Türken im Viertelfinale der EM würden Böller krachen, Hupen dröhnen, Fahnen durch die Nacht geschwenkt werden. Auch die Berliner Kroaten wissen zu feiern, und bei einem Erfolg ihres Teams können sie nicht nur ihrem Patriotismus, sondern auch ihrem Lokalpatriotismus Zucker geben: Mit den Brüdern Niko und Robert Kovac sind zwei Jungs aus dem Wedding Stammspieler in der kroatischen Nationalmannschaft; Kollege Josip Simunic wohnt auch schon seit 1999 in Berlin und spielt bei Hertha BSC.

Zuvor hatte noch ein ganz anderer Kroate seine fußballverrückten Landsleute ins Olympiastadion gelockt: Ante Covic. Er stieg mit Hertha 1997 in die erste Liga auf, „und da haben die Kroaten gesehen: Da ist einer von uns dabei, da gehen wir gerne hin. Später war natürlich Niko Kovac wichtig für die kroatische Community.“ Der kam nach einem früheren Engagement zu Zweitligazeiten von 2003 bis 2006 zurück nach Berlin und spielte sich in die Herzen auch der deutschen Hertha-Fans – weshalb ihm viele auch für die EM die Daumen drücken.

Doch während Kovac derzeit in Salzburg unter Vertrag steht, ist Covic inzwischen wieder Herthaner bei der Amateurmannschaft. Er wollte sich das Spiel gegen die Türkei im Urlaub in Split ansehen.

Seine Landsleute aber – gut 11 000 leben hier und sind damit die neuntgrößte Einwanderergruppe – füllen bei Spielen ihrer Mannschaft die kroatischen Kneipen und Restaurants der Stadt. Zentraler Treffpunkt ist dabei das Café King in der Charlottenburger Rankestraße. Der dunkle Fleck auf der kroatisch-berliner Fußballbeziehung hat dem Lokal nicht geschadet: Der 2005 aufgeflogene Wettskandal um manipulierte Fußballspiele, in dessen Zentrum der Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer und die kroatischen Brüder Sapina standen – deren Stammlokal das Café King war. Gleichwohl: „Es wird sehr, sehr voll bei uns“, prognostizierte gestern ein Angestellter, „auch die Stehplätze und die Terrasse sind allesamt belegt.“

Und sollten Kroatien am Freitagabend gewinnen, steht das Spiel der Spiele für die Berliner Kroaten ja erst noch bevor: Das Halbfinale am Mittwoch gegen Deutschland. Und dann wird es nicht wenigen so gehen wie Ante Covic: „Meine Frau ist Deutsche, deshalb hat mein zehnjähriger Sohn bei Deutschland gegen Kroatien ein Deutschland-Trikot an, meine Frau auch. Ich bin der Einzige im Kroatien-Trikot. Wir machen uns dann gegenseitig runter. Aus Spaß natürlich.“

Ingo Schmidt-Tychsen/ Holger Wild

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