Berlin : Jubelnde Jünger im Olympiastadion

Sakro-Pop und Anbetungshymnen: 25 000 Jesus-Anhänger aus ganz Europa kamen zum evangelikalen Festival „Calling all Nations“

Claudia Keller

Die Veranstalter haben das nicht geplant, dass das säkulare und das religiöse Pop-Spektakel auf denselben Tag fallen. Zufall, würden Ungläubige sagen. Heiliger Geist, sagt der junge Amerikaner, der extra für das evangelikale Festival „Calling all Nations“ im Olympiastadion aus Israel gekommen ist. Gott will, dass wir gegen die Sünden der Nationen beten, sagt ein junger Österreicher, der mit seinen blond gefärbten Haaren, der orangen Sonnenbrille, dem braunen Teint aussieht, als hätte er mehr Spaß am Sündigen als am Kampfbeten.

„Das dort draußen ist nicht die Loveparade“, ruft der Prediger vorne auf der Bühne. „Hier ist die Loveparade. Jesus macht keine Liebe, Jesus ist die Liebe.“ Die Formen der Verzückung ähneln denen im Tiergarten aber doch sehr: ausgebreitete Arme, verklärte Gesichter, Tanzen und Wiegen im Rhythmus.

Die vielleicht 25 000 Jesus-Anhänger, die gestern im Olympiastadion zusammenkamen, scheuten sich auch nicht, Haut zu zeigen. Was wie ein Pop-Konzert aussah, sich auch in der Höhe des Eintrittsgeldes damit vergleichen ließ, war die bislang größte evangelikale Veranstaltung in Deutschland. Von neun bis 21 Uhr spielten Bands, die „Psalm Drummers“ oder „Delirious“ heißen. In der Verkündigungs-Szene sind sie Stars. Zwischendurch sendeten Prediger Botschaften unter die meist 20- bis 30-Jährigen und riefen zum Gebet. In den USA, England und Deutschland hatten Freikirchen und Gruppen aus dem charismatisch-pfingstlerischen Spektrum eingeladen, „den einen wahren König Jesus Christus mit Musik, Gebet und neuer Hingabe zu ehren“. Die Pfingstler sind Christen, die weniger auf einen intellektuellen Zugang zum Glauben setzen, sondern sich von den „Gaben des Heiligen Geistes“ leiten lassen. Vor allem in den USA, in Lateinamerika und in Afrika kommt das gut an. In Deutschland immer besser. Zurzeit gibt es hier schätzungsweise 150 000 Anhänger.

Wie es ist, wenn die Hand Gottes über einen kommt, weiß eben nicht nur Fußballstar Maradona. „Jesus war sogar bei mir in der Wohnung, und das tagelang“, sagt Wolfgang Diess aus Salzburg, „Wahnsinn“. Den heute 38-Jährigen hatte die Suche nach dem Sinn des Lebens da schon nach Indien, zum Buddhismus und zur Esoterik gebracht. Nichts half. Jetzt ist er glücklich, sagt er. So einfach ist das. Auch das mit dem Beten. „Wir sind überzeugt, dass wir durchs Beten die Welt verändern und die Dämonen vertreiben können“, sagt Diess. Anstrengend ist das auch. Viele hätten die halbe Nacht hindurch gebetet, dass sich der Teufel vom Olympiastadion fernhalte.

„God, put out your power and love, as we sing holy, holy, holy“, singt eine Frau zu Softrock-Klängen. Tausende singen mit, Tanzgruppen wedeln mit Bändern, Zuschauer mit Fahnen. „Jesus war Jude“, sagt eine Polin und müht sich mit einer Israel-Flagge ab. Sie erwartet, dass Jesus, wenn er zurückkommt, ins Heilige Land kommt. Deshalb betet sie dafür, dass sich Israel gegen die arabischen Nachbarn durchsetzt. Christlicher Zionismus nennen das Politikexperten. Es ist jene evangelikale Strömung, von der viele auch die Nahostpolitik des amerikanischen Präsidenten beeinflusst sehen.

Noel Richards, ein englischer Musiker, der seit zwanzig Jahren erfolgreich im Sakro-Pop-Geschäft tätig ist, hatte die Idee zu Calling all Nations. 1997 brachte er 45 000 Evangelikale ins Londoner Wembleystadion. Seitdem ist er von der Vision beseelt, nach dem Vorbild der amerikanischen Mega Churches alle großen europäischen Stadien zu füllen. Deutschland habe großen Nachholbedarf im spirituellen Sinne, meint er. Zu den Veranstaltern des gestrigen Tages gehörten auch Gruppen wie die amerikanische „Youth with a Mission“, die die Verbreitung ihres Glaubens zumindest verbal recht martialisch vorantreibt. Wir befinden uns im spirituellen Kriegszustand, heißt es auf deren Homepage. In „Jüngerschaftsschulen“ werden Missionare ausgebildet, die die „Heimatfront“ verteidigen und den Kampf mit den anderen Religionen aufnehmen sollen. Sie zu besiegen, müsste eigentlich ein Leichtes sein. „Alle anderen Religionen sind tot“, ruft ein Prediger auf der Bühne, „nur Jesus lebt“.

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