Jubiläum : 30 Jahre heimlicher Verkehrssenator

Seit 40 Jahren sitzt er im Vorstand von Deutschlands bekanntesten Autoclub. Nun feiert Berlins ADAC-Vorsitzender Wolf Wegener ein Mehrfach-Jubiläum.

Bernd Matthies
Wolf_Wegener
Grund zum Feiern: Seit 30 Jahren sitzt Wolf Wegener dem Berliner ADAC vor. -Foto: ddp

Ist er einer der letzten West-Berliner Dinosaurier? Wolf Wegener stutzt, überlegt kurz, lacht dann, ja, warum eigentlich nicht? „Ich habe mich immer als Berliner gefühlt“, sagt er, und da sein Leben nun einmal komplett in West-Berlin stattgefunden habe, sei das mit dem Dinosaurier nicht von der Hand zu weisen. Exakt 30 Jahre lang ist der 75-jährige promovierte Rechtsanwalt heute ehrenamtlicher Vorsitzender des Berliner ADAC, 40 Jahre sitzt er im Vorstand des Clubs, 50 Jahre lang ist er aktiv in der Vereinsarbeit – kein Wunder, dass viele Insider ihn für den heimlichen Verkehrssenator halten über alle Landesregierungen hinweg, für eine Art Diepgen auf Rädern, nur ohne offensichtliche Parteibindung.

Aus offensichtlichem Parteigezänk hat sich der ADAC in Wegeners Amtszeit weitgehend herausgehalten. Nur 1989 wurde es einmal eng, „da hatten wir es schwer mit Momper und seinen grünen Frauen.“ Der rot-grüne Senat hatte sich die damals von jedem Tempolimit freie Avus ausgesucht, um mit der Verhängung von Tempo 100 ein Symbol zu setzen, und der Streit teilte den Westen der Stadt. Tagesspiegel-Lokalchef Günter Matthes rief zum ADAC-Austritt auf und veröffentlichte täglich entsprechende Zahlen. „Eine tolle PR-Kampagne“, sagt Wegener aus heutiger Sicht durchaus zufrieden, „wir haben 3000 Mitglieder verloren, und gleichzeitig sind 30 000 eingetreten, schade, dass es so was nie wieder gegeben hat. “

Dass es dennoch bei Tempo 100 auf der Avus geblieben ist, sieht Wegener mit gleichermaßen gelassener Nachsicht. „Da bin ich völlig emotionslos“, sagt er, das sei angesichts des gestiegenen Verkehrs vollkommen richtig – und überhaupt, das rot-grüne Intermezzo liegt lange zurück, die verkehrspolitischen Debatten haben sich entkrampft. Schließlich hat sich auch der ADAC vom Sprachrohr der linken Spur („Freie Fahrt für freie Bürger!“) zum Dienstleistungsunternehmen gewandelt. Wegener, der fast einmal für das Amt des Präsidenten kandidiert hätte und 17 Jahre Generalsyndikus war, hatte daran großen Anteil.

Er wurde, wie er betont, nicht im Auto geboren, „aber auch nicht weit davon entfernt“. Sein Vater gehörte als Telefunken-Direktor zu den Privilegierten, die schon 1933 einen eigenen Wagen besaßen – es existiert ein Bild des jungen Wolf, der mit der Familie auf wackligen Beinen neben dem eleganten Adler-Cabrio des Vaters steht. Dieser gehörte dem ADAC schon seit 1926 an, wurde 1958 sogar Vorstandsvorsitzender – kein Wunder, dass sein Sohn vom Clubgedanken infiziert war und sich 1958 dem „Freiwilligen Kameradschaftsdienst“ anschloss, einer Helfertruppe, die den noch mager bestückten professionellen Pannendienst unterstützte.

Den Führerschein ließ sich Wegener nach acht Fahrstunden pünktlich am 18. Geburtstag aushändigen. Dann kurvte er lange mit dem Auto des Vaters herum, das dieser aber nur nach strenger Bedarfsprüfung herausrückte. Als das erste Referendarsgehalt floss, war auch der erste eigene Käfer fällig. Wegener versuchte sich nach dem Examen als Banker, merkte aber rasch, dass er den Personalchefs, die ihn herumschicken wollten, mit der ständigen Frage „Und wann komme ich nach Berlin zurück?“ auf die Nerven ging – die eigene, alsbald florierende Kanzlei war die Antwort, der Käfer wich einem Porsche.

Was dann kam, ist praktisch nur noch tabellarisch zu erfassen. Unzählige Ehrenämter, Beiratsposten, Kommissionen, das Große Bundesverdienstkreuz, die ADAC-Ehrenmitgliedschaft, die er sich als einziger Lebender mit Größen wie Robert Bosch und Carl Benz teilt; parallel wuchs die Anwaltskanzlei durch mehrere Fusionen zu gewaltiger Größe, war weltweit in 27 Städten vertreten, bis Wegener ausstieg und seine alte Kanzlei zurückerwarb. Stolz ist er darauf, dass er den Amerikanern die Zustimmung zum ersten Berliner Rettungshubschrauber abrang, und dass er 1988 – spät, aber nicht zu spät – die Transitstrecken für seine Pannenhelfer öffnete. Dass er sich gegen die Bleifuß-Fraktion für die Erhaltung der brandenburgischen Alleebäume einsetzte, brachte ihm schließlich den Roten-Adler-Orden ein.

Im April wird Wegener den Berliner ADAC-Vorsitz an seinen Nachfolger Walter Müller übergeben. Am heutigen Donnerstag wird erst einmal gefeiert, mit 200 Gästen im Adlon. Bernd Matthies

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