Jubiläum : Blumen für 106-Jährige – doch sie war nicht da

Wo ist Helene B? Das Bezirksbürgermeisteramt Spandau wollte gratulieren, da fiel auf, dass die Jubilarin seit Jahren verschwunden ist. Nun wird spekuliert. Liegt die Frau etwa begraben hinter ihrem eigenen Garten?

Sandra Dassler
Spandau
Was geschah hier? Aus diesem Haus verschwand die 106-Jährige. -Foto: Thilo Rückeis

Das kleine Einfamilienhaus im Spandauer Ortsteil Staaken macht einen verlassenen Eindruck. Die unteren Jalousien sind geschlossen. Die weiße Fassade ist grau und der grüne Zaun seit Jahren nicht mehr gestrichen worden. Nur der Garten wirkt gepflegt. Neben sauber geschnittene Koniferen lugen violett-weiße Krokusse aus den unkrautfreien Beeten.

„Die Frau hat immer im Garten gearbeitet“, erzählt eine Nachbarin: „Auch an dem Tag, als die Polizei kam.“ Sie wirft einen Blick über den Zaun und schüttelt sich leicht: „Ob sie ihre Mutter tatsächlich hier vergraben hat? Das ist ja gruselig.“

Momentan kann niemand die Frage der Nachbarin beantworten. Vielleicht hat Sonja W. ihrer Mutter Helene tatsächlich den angeblich letzten Wunsch erfüllt und sie statt auf einem Friedhof in ihrem Garten oder auf den angrenzenden städtischen Wiesen beerdigt. Vielleicht hat sie aber auch ein Verbrechen begangen. Keiner weiß jedenfalls, was aus Helene B. geworden ist. Mindestens seit acht Jahren ist sie nicht mehr gesehen worden – weder von Nachbarn, noch von Behörden.

Als Mitarbeiter der so genannten Geburtstagskommission, die im Namen des Bezirksbürgermeisters Konrad Birkholz (CDU) betagte Spandauer aufsucht, Helene B. Anfang Februar zum 106. Geburtstag gratulieren wollten, trafen sie die Jubilarin wie schon in den Jahren zuvor nicht an. Und wie schon in den Jahren zuvor erklärte ihnen die Tochter Sonja W., ihre Mutter sei in Österreich. Wahrscheinlich hätten sich die Gratulanten auch diesmal mit der Auskunft zufrieden gegeben. Doch da fügte die 81-jährige Sonja W. hinzu, Helene B. sei mit ihrem Ehemann in Österreich. Der Ehemann war aber schon in den 70er Jahren verstorben. Nun wurden die Behördenmitarbeiter doch stutzig und informierten die Polizei. Die durchsuchte Haus und Grundstück vergeblich nach der 106-Jährigen. Sonja W. wiederholte stereotyp, dass Helene ihre Mutter „illegal in Österreich“ sei. Die Beamten vermuteten, dass die Frau möglicherweise an Alzheimer leidet. Sie kam in ein Krankenhaus. Ermittelt wird gegen Sonja W. nicht. Ein Polizeisprecher: „Es gibt keinen Anfangsverdacht, wir haben ja nichts gefunden, obwohl wir Haus und Grundstück mit Hunden durchsuchten.“

„Die Polizei hat nur das Grundstück durchsucht“

Vielleicht hätten sich die Beamten nur bei den Nachbarn erkundigen sollen. Die erzählen zum Beispiel, sie hätten vermutet, dass Helene B. tot und begraben sei. „Die Polizei hat nur das Grundstück durchsucht“, sagt ein Nachbar: „Mich haben die nicht gefragt. Ich hätte ihnen gesagt, wo sie suchen sollen: auf den städtischen Wiesen gleich hinter dem Garten.“

Die an ihr Grundstück angrenzenden Wiesen habe Sonja W. ebenso liebevoll bepflanzt und gehegt wie ihren Garten, erzählen andere Nachbarn. „Und sie ist zum Einkaufen immer einen Umweg über die Wiesen gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren. Das hat uns gewundert, weil der Weg über die Straße zum Supermarkt viel kürzer gewesen wäre.“ Besuch von Freunden oder gar Verwandten haben die Nachbarn nie bemerkt. „Sonja W. war eine zurückhaltende Frau, die zwar grüßte, aber ansonsten den Eindruck vermittelte, dass sie ihre Ruhe wollte“, sagt eine Nachbarin: „Und sie hat nicht einmal mehr den Schornsteinfeger ins Haus gelassen.“

Dass weder dieser noch die Nachbarn irgendwann die Polizei informierten, begründet Spandaus Bürgermeister Birkholz mit der Anonymität in der Großstadt: „Da merkt man, dass Spandau doch zu Berlin gehört“, sagte er. Ein Sprecher der Vermisstenstelle bei der Polizei meinte hingegen: „Der Krankenkasse müsste doch auffallen, wenn eine so alte Frau nie zum Arzt geht oder Medikamente braucht.“ Auch die Rentenstelle könnte seiner Ansicht nach ab und an nachfragen. Schließlich gäbe es auch Fälle, wo Angehörige den Tod eines Rentners verheimlichen, um die Pension weiterzubeziehen. Im Fall Helene B. sei das aber nicht der Fall, sagen die Ermittler. Von ihrem Konto wurde nie Geld abgehoben. Auch nicht von Österreich aus.

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