Jubiläum : Maler mit Erinnerungen

Gregor Grunwald wird heute 100 Jahre alt. Er ist Tagesspiegel-Leser der ersten Stunde.

Thomas Loy
Gregor Grunwald
Gregor Grunwald bei der Arbeit. -Foto: Steinert

Über körperliche Unzulänglichkeiten möchte er nicht sprechen. Viel wichtiger sei doch die europäische Frage, die schon Kaiser Otto III. vor 1000 Jahren mit sich herumschleppte. Gregor Grunwald war mal Gymnasiallehrer für Geschichte und Geografie, bis er in Pension ging, so Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Genau weiß er es nicht mehr. Ist schließlich eine geraume Ewigkeit her. Am heutigen Mittwoch vollendet Gregor Grunwald sein 100. Lebensjahr.

Seine Gäste wird der Maler und Privatgelehrte zu Hause empfangen, im Seitenflügel einer Grunewalder Villa, die ungefähr so alt sein dürfte wie er. Dort ist er eingezogen, als er kriegsversehrt nach Berlin zurückkam. So um das Jahr 1942. Die Russen hatten ihm westlich von Minsk den Stahlhelm vom Kopf geschossen. Ein paar Granatsplitter stecken seitdem in seinem Schädel.

Er habe zum Überleben immer einen Schutzengel bei sich gehabt, erklärt Grunwald, der aus Ost-Brandenburg stammt, das heute zu Polen gehört, damals preußische Provinz war, aber historisch zu Schlesien gerechnet wird, also Habsburger Land mit einem hohen Anteil an Katholiken – solche Kompliziertheiten liebt der Jubilar. Der Schutzengel griff erstmals ein, als Grunwald als Jugendlicher hinten auf dem Mistwagen seines Vaters stand, und die Pferde plötzlich anzogen. Der Engel motivierte ihn, einen Salto rückwärts zu springen, sauber in den Stand.

Sein Elternhaus bei Leimnitz ist ein Ort, der nur noch in seiner Fantasie existiert. Und in den vielen Bildern, die Grunwald um sich herum versammelt hat. Immer wieder hat er die Windmühle seines Vaters gemalt, auf einer seichten Anhöhe. Dort trieb er früher die Kühe auf die abgeernteten Felder. Sein zweites Motiv, ebenfalls in etlichen Varianten, ist das Schulhaus im ehemaligen Zisterzienserkloster „Paradies“. Dort machte Gregor das Abitur – von 40 Schülern seines Jahrgangs schafften es nur 3 – und entschloss sich, selbst Lehrer zu werden. Die Mühle übernahm der ältere Bruder. Acht Geschwister waren sie zu Hause.

Um seine gemalten Erinnerungen vor der Realität zu schützen, hat Gregor Grunwald die Orte seiner Kindheit nie mehr besucht. In Russland war er dagegen häufig, einmal sogar auf Einladung des Moskauer Patriarchen. Er pflegt seit Jahrzehnten Kontakte zur russisch-orthodoxen Gemeinde. Im Berlin der 30er Jahre verbrachte Grunwald seine Studentenzeit. Von seiner Hinterhofbude in Moabit fuhr er mit dem Rad zur Universität, in die Staatsbibliothek („da musste man früh hin, um noch einen Platz im Lesesaal zu bekommen“) oder ins Kronprinzenpalais, um sich die Expressionisten anzusehen. „Ich habe Marcs ,Turm der blauen Pferde’ noch gesehen.“ Das berühmte Bild ist seit 1945 verschollen.

Eine weitere Leidenschaft Grunwalds ist die Publizistik. Seine Doktorarbeit, fertiggestellt im März 1945, handelt von den „Heimatzeitungen der Provinz Brandenburg“ mit besonderer Berücksichtigung des „Crossener Tageblatts“. Als der Tagesspiegel im September 1945 zum ersten Mal erschien, begann Grunwald mit der kritischen Lektüre. Bis heute ist er Abonnent und schätzt vor allem die Geistesarbeiter des Feuilletons. Die leichtfüßigen Kolumnisten, nun ja, da liest er einfach drüber weg. Thomas Loy

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