Judenverfolgung : Neue Gedenkstätte erinnert an "stille Helden"

Eine neue Gedenkstätte erinnert an die „stillen Helden“: Sie halfen verfolgten Juden unterzutauchen Es ist das erste Museum dieser Art in Europa. 250 Helfer und von ihnen Gerettete werden vorgestellt

Claudia Keller
Gedenktsätte
Spuren der Vergangenheit. Besucher der Gedenkstätte "Stille Helden" beugen sich über einen interaktiven Bildschirm. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In einer Vitrine liegt ein Schlüssel. Mit dem Schlüssel öffnete Alice Löwenthal Ende April 1945 ihre alte Wohnung in Prenzlauer Berg. Zwei Jahre lang hatte sie den Schlüssel mit sich herumgetragen und so fest darauf gehofft, eines Tages in ihre Wohnung zurückkehren zu können. 1943 war die jüdische Schneiderin mit ihren beiden kleinen Töchtern untergetaucht, nachdem ihr Mann von der Gestapo verschleppt worden war. Die vier- und sechsjährigen Mädchen brachte Alice Löwenthal in Weimar unter, wo sich ein ehemaliger Polizist spontan bereit erklärt hatte, der verzweifelten Mutter zu helfen, nachdem eine Bekannte von Alice Löwenthal sich hatte verleugnen lassen. Die 34-jährige Mutter selbst versteckte sich in Berlin.

Das Schicksal von Alice Löwenthal wird in der neuen Gedenkstätte „Stille Helden“ erzählt, die am Montag in der Rosenthaler Straße 39 eröffnet wurde. Denn ohne die stillen Helden, die Verfolgte versteckten, mit Lebensmitteln versorgten oder ihnen wie Oskar Schindler einen Arbeitsplatz gaben, hätten Alice Löwenthal und andere untergetauchte Juden nicht überlebt. Die neue Ausstellung dokumentiert das Leben von 250 Helfern und ihren Schützlingen und wurde von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erarbeitet. Sie befindet sich in einem Gebäudekomplex, der zu den Hackeschen Höfen gehört und in dem auch das Museum „Blindenwerkstatt Otto Weidt“ untergebracht ist.

Ein paar Monate, nachdem Alice Löwenthal in ihre alte Wohnung zurückgekehrt war, erhielt sie einen Brief von den Amerikanern. Er informierte sie, dass ihre Mädchen in Auschwitz ermordet worden waren. Eine Puppe und ein Fotoalbum, das sie für die Mädchen angelegt hatte, um ihr Aufwachsen zu dokumentieren, war alles, was der Mutter von ihren Kindern geblieben ist.

Bislang wisse man von 3000 Helfern und 3000 geretteten deutschen Juden, sagte Johannes Tuchel, der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. In Berlin hätten 1300 Juden im Untergrund überlebt. Man schätze aber, dass es über 20 000 „stille Helden“ gegeben habe. „Wir sind erst am Anfang der Forschung“, sagte Tuchel. Deshalb sei die neue Gedenkstätte auf eine Erweiterung hin angelegt. So wolle man in den kommenden Jahren auch nach osteuropäischen Helfern suchen und dazu mit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und osteuropäischen Archiven zusammenarbeiten. „Mit der Eröffnung der bislang einzigen Gedenkstätte dieser Art in ganz Europa erhält das Gedenken an die stillen Helden einen großen Rahmen“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Montag bei der festlichen Museumseröffnung. Verglichen mit der großen Zahl derjenigen, die die Verbrechen der Nationalsozialisten geschehen ließen oder sich daran beteiligten, gehörten diese stillen Helden zu einer winzigen Minderheit. „Doch es sind diese Wenigen, die uns bis heute Orientierung bieten.“

Die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 193, die sich bald zum 70. Mal jährt, war für Eugen Kahl „ein sehr dramatischer Tag“. Als die Geschäfte jüdischer Inhaber zerstört, Synagogen angezündet und jüdische Nachbarn ermordet wurden, war er ein elfjähriger Junge. Trotzdem habe er begriffen, dass Furchtbares geschehen war, wie er am Montag erzählte. „Onkel Löwe war tot.“ Otto Löwe war ein Freund und Kollege seines Vaters, der als Arzt praktizierte und auch nach 1939 jüdische Patienten behandelte. In der Pogromnacht wurde Otto Löwe verhaftet und erschlagen. Als Eugen Kahls Vater eine Patientin erzählte, dass ihr Verlobter aus dem Konzentrationslager Majdanek geflohen war und jetzt bei ihr zu Hause mit gebrochenen Wirbeln liege, entschlossen sich die Kahls, das Paar bei sich auf dem Dachboden zu verstecken. 1943 verhalfen sie ihnen zur Flucht in die Schweiz. Auf einer Postkarte aus der Schweiz verkündete eine anonyme Person Monate später „die Ankunft von Zwillingen“. Die junge Frau des jüdischen Paares war bei der Flucht im fünften Monat schwanger gewesen. Claudia Keller

Gedenkstätte Stille Helden, Mo. bis So. 10 bis 20 Uhr, Rosenthaler Straße 39, Mitte

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar