Jüdische Gemeinde Berlin : Antisemitismusbeauftragter Daniel Alter hat aufgehört

In Deutschland wächst die Sorge vor antisemitischen Anschlägen - doch die Jüdische Gemeinde zu Berlin trennt sich von ihrem Antisemitismusbeauftragten.

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Daniel Alter war Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Jetzt wurde sein Vertrag nicht verlängert.
Daniel Alter war Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Jetzt wurde sein Vertrag nicht verlängert.Foto: Mike Wolff

Selten wäre der Antisemitismusbeauftragte und Referent für interreligiösen Dialog in der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland so nötig wie jetzt nach den Anschlägen von Paris und angesichts vieler muslimischer Flüchtlinge. Doch die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat den Vertrag mit dem 56-jährigen Rabbiner Daniel Alter nicht verlängert. Seit Sonntag steht sie ohne Antisemitismusbeauftragten da. Angeblich fehlt es an Geld, um die Stelle weiter zu finanzieren.

Mit Geldmangel begründete die Gemeinde im Sommer auch, warum die Jüdischen Kulturtage in diesem Jahr ausfallen mussten. Doch gerade wurde eine Geschäftsführerin eingestellt, der Gemeindesprecher brüstete sich am Donnerstag damit, dass "die Gehälter aller Gemeindemitarbeiter zum ersten Mal seit zwölf Jahren erhöht wurden", und bei Facebook ist der Finanzdezernent der Gemeinde stolz darauf, dass der Vorstand dem Senat höhere Staatszuschüsse abgetrotzt und höhere Steuereinnahmen erwirkt habe.

Daniel Alter selbst möchte offiziell nur wenig dazu sagen, weil er trotz allem die Gemeinde nicht in einem schlechten Licht darstellen will. Er spricht von einer "komplexen arbeitsrechtlichen Situation", die es vor einem Jahr für ihn "notwendig gemacht habe, vor Gericht zu gehen". Zuvor war sein befristeter Vertrag ohne Begründung lediglich um ein weiteres Jahr verlängert worden, der Gemeindevorstand habe außerdem die Klausel eingefügt, ihn jederzeit "außerordentlich" kündigen zu können. Das sei für ihn nicht akzeptabel gewesen. Der Kompromiss vor einem Jahr sei gewesen, den Vertrag um ein weiteres Jahr zu verlängern. Jetzt sei er ausgelaufen.

Auch in der Gemeinde gab es viel Lob für seine Arbeit

Außer vom Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe hat Rabbiner Alter in der Gemeinde viel Lob und Zustimmung zu seiner Arbeit bekommen. Man sei froh, dass man ihn in diesen Zeiten habe, hörte er auch von Vorstandsmitgliedern. "Die Anschläge von Paris zeigen, was auch auf Deutschland noch zukommen könnte", sagte Rabbiner Alter am Donnerstag. Natürlich stünden auch die jüdischen Gemeinden im Visier der islamistischen Terroristen. Gerade jetzt sei es wichtig, in die migrantische Gemeinschaft, aber auch in die Mitte der Gesellschaft hineinzuwirken, um Antisemitismus vorzubeugen.

Sergey Lagodinsky, Referatsleiter bei der Heinrich-Böll-Stiftung und Mitglied im Gemeindeparlament, hält die Trennung von Rabbiner Alter für "skandalös". "Gerade in dieser Zeit brauchen wir einen Antisemitismusbeauftragen und einen Beauftragten für interreligiösen Dialog". Außerdem sei Alter über Berlin hinaus bekannt und ein positives Aushängeschild der Gemeinde gewesen. Dass der Vorstand seinen Vertrag nicht verlängert habe, sei nach der Absage der Kulturtage ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Gemeinde mehr und mehr abkapsele. Alle Brücken in die Mehrheitsgesellschaft würden zurückgebaut.

2012 wurde Alter von mehreren Männern in Friedenau angegriffen

Rabbiner Alter hatte sich immer wieder in gesellschaftlichen Debatten zu Wort gemeldet und Antisemitismus angeprangert. Bundesweit bekannt wurde er im Sommer 2012, als er von mehreren Männern in Friedenau geschlagen und beleidigt worden war. Die Tat war Ausgangspunkt einer neuen Debatte über antisemitische Tendenzen in der Gesellschaft.
Am 20. Dezember will die Jüdische Gemeinde ein neues Gemeindeparlament und einen neuen Vorstand wählen. Der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe und seine Gruppe "Koach" werben für sich mit dem Slogan, sie wollten die Gemeinde "fit machen fürs 21. Jahrhundert". Außer Koach tritt die Gruppe "Emet" an um Parlamentsmitglied Sergey Lagodinsky. Der Ruf der einst so einflussreichen Jüdischen Gemeinde zu Berlin sei "noch nie so schlecht gewesen wie heute", heißt es in ihrem Wahlkampf-Flyer. Man wolle der Gemeinde ihre "Würde und ihren guten Ruf" zurückgeben und unter anderem "eine starke Stimme gegen Antisemitismus und Israel-Hass werden".


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