Berlin : Jüdische Gemeinde: Der Mann für Law and Order

Amory Burchard

Alexander Brenner hatte nach einer Ausrede gesucht. Vielleicht bin ich nicht mehr jung genug, vielleicht nicht mehr ganz gesund, hat er den anderen gesagt. Lass dich durchchecken, dann wissen wir es, hatten sie geantwortet. Die Sache ist entschieden. Der 72-jährige Alexander Brenner tritt heute Abend gegen Andreas Nachama an. Es geht um den Vorsitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Nachama erhielt bei den Gemeindewahlen im März 1600 Stimmen, Brenner 1400. Am 2. Mai wählen die 21 Repräsentanten der Gemeinde aus ihren Reihen einen fünfköpfigen Vorstand, der wiederum einen Vorsitzenden bestimmt. Aufgefordert haben Brenner die Vertreter des Wahlbündnisses Jüdisches Forum und einige unabhängige Kandidaten.

Alexander Brenner ist zum Arzt gegangen. Der Internist sah sich die Röntgenaufnahme der Lunge an und sagte: "Gut, dass sie nicht rauchen." Brenner zuckt mit den Schultern und steckt sich noch eine an. Der Chemiker und Ex-Diplomat fühlt sich nicht nur jünger als in seinem Pass vermerkt, er ist es tatsächlich - fünf Jahre. Den Personaldokumenten zufolge ist er 77 Jahre alt.

Er habe nie einen Anlass gesehen, das zu ändern, sagt der Kandidat. Jetzt aber läuft das Verfahren, das ihm die fünf Jahre auch offiziell zurückgeben soll. 1939 in dem kleinen Städtchen Tomaszow Lubelski bei Lublin sei es "eine Frage von Leben und Tod" gewesen, fünf Jahre älter zu sein, und später in Sibirien auch. Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen kündigte sich für die Juden ein fürchterliches Regime an. "Wie entsetzlich es werden würde, wussten meine Eltern natürlich nicht", sagt Brenner. Nur eines: Wer im arbeitsfähigen Alter ist, kann wenigstens für die Deutschen arbeiten - sonst ... Der Vater, Inhaber eines Zeitungsladens mit Leihbibliothek, sagte: Den Jungen machen wir älter. Statt neun soll er 14 sein.

Kurz darauf flüchteten die Eltern in die Ukraine. Den Sohn schickten sie zur Tante nach Lemberg, wo es eine gute Schule gab. Als die Deutschen die Sowjetunion überfielen und auch Lemberg besetzten, mussten Alexander und seine Tante ins Getto gehen. Der Junge floh durch die Wälder. Bevor die Deutschen kamen, hatten die Sowjets Brenners Familie nach Sibirien deportiert. In Bijsk in der Altaj-Region fand er sie wieder, dort machte er das Abitur.

Nach dem Krieg wurden die Polen, die Verfolgung und Deportation überlebt hatten, zurück in die Heimat geschickt. Für die Brenners sollte das nun Szczecin sein, das zerstörte Stettin, aus dem die Deutschen vertrieben worden waren. Die Juden wurden von ihren polnischen Nachbarn mit Steinwürfen empfangen, erinnert sich Brenner. Schnell nach Palästina, beschlossen die Eltern. Der Weg dorthin führte über Lager für Displaced persons in Deutschland. Die Eltern und die Schwester kamen nach zwei Jahren an im Gelobten Land. Brenner schaffte es erst 33 Jahre später - als Wissenschaftsattaché der Deutschen Botschaft. Von 1982 bis 1990 war er dort, als "Jude aus Polen, der unter verschiedenen Umständen in Deutschland geblieben ist". Seine Identität, sagt Brenner, sei weder in Berlin noch in Tel Aviv leicht zu vermitteln.

Der junge Brenner war als Student zuerst in Erlangen hängen geblieben, dann in Berlin. An der Technischen Universität beendete er 1954 sein Chemiestudium und wurde wissenschafticher Mitarbeiter am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft. Nach der Promotion in Physikalischer Chemie arbeitete Brenner im Hahn-Meitner-Institut, dann im Bundesgesundheitsamt. Als er 1970 nach Moskau ging, endete Brenners wissenschaftliche Karriere. Den Ruf des Außenministeriums, parallel zur Entspannungspolitik deutsch-sowjetische Wissenschaftskooperationen aufzubauen, hatte der Chemiker auch seinem fließenden Russisch aus der Zeit in Sibirien zu verdanken.

Heute braucht Brenner die Sprache zwar nicht mehr, um sich mit der aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Mehrheit der Gemeinde zu verständigen. Aber diese Zuwanderer bräuchten ein tiefes Verständinis für die hohe russische Kultur, die sie mitbrachten und für ihre weitgehende religiöse Unkenntnis, sagt Brenner. Mit einer Schule des Sebstbewusstseins und religiöser Bildung will Brenner den Integrationsproblemen begegnen. Wenn es nicht gelänge, zumindest die Jugendlichen in den nächsten Jahren an die Jüdische Gemeinschaft in Berlin zu binden, drohe der Gemeinde in zwei, drei Generationen der Zerfall.

Alexander Brenner ist Pensionär, ledig und kinderlos. Er hat Zeit für die Jüdische Gemeinde. In den letzten Jahren wurde er wieder in der Jüdischen Gemeinde aktiv, als Mitglied der Repräsentantenversammlung und stellvertretender Vorsitzender des Schulausschusses. Als "einen der Meckerer", der verkrustete Machtstrukturen zumindest in Frage stellt, sieht sich Brenner. Bei jüngeren Gemeindemitgliedern gilt er nicht gerade als progressiv, in religiösen Fragen als orthodox. "Progressiv - reaktionär", diese Unterscheidung kenne er noch aus der Sowjetunion, kontert Brenner. Und orthodox sei er aus lieber Gewohnheit. Das war der Ritus, den sein Vater in Tomaszow befolgte. Der liebste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde war ihm Heinz Galinski: "Er war ein bisschen autoritär, aber da herrschte wenigstens law and order."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar