Berlin : Jüdische Gemeinde: Der starke Mann tritt gegen den liberalen Moderator an

Amory Burchard

An der Spitze der Jüdischen Gemeinde steht möglicherweise ein Generationswechsel bevor. Gegen den bisherigen Vorsitzenden Andreas Nachama, der 1997 als liberaler Neuerer gewählt wurde, tritt der 72-jährige Alexander Brenner, promovierter Chemiker und ehemaliger Diplomat im Dienste des deutschen Außenministeriums, an. Bei den Wahlen zur 21-köpfigen Repräsentantenversammlung im März dieses Jahres hatte der 49-jährige Historiker und Rabbiner Nachama rund 1600 Stimmen erhalten, Brenner rund 1400 Stimmen. Unter jüngeren Gemeindemitgliedern gilt Brenner als Konservativer. Als "starkem Mann" werden ihm aber gute Chancen eingeräumt, dem "Moderator" Nachama im Amt zu folgen.

Er wolle weniger Polarisierung und mehr produktive Auseinandersetzung mit Sachproblemen, sagte Alexander Brenner gestern dem Tagesspiegel. So müsse das Selbstbewusstsein der russischen Juden in der Gemeinde gestärkt werden, ihre Kinder Zugang zur jüdischen Erziehung bekommen. Berlin solle wieder im Direktorium des Zentralrats der Juden vertreten sein. Schließlich sei er für eine "politische Öffentlichkeitsarbeit" in Hinblick auf die "verzerrende Medienberichterstattung" über den palästinensisch-israelischen Konflikt.

Zur Gegenkandidatur aufgefordert wurde Alexander Brenner vom Wahlbündnis "Jüdisches Forum". Dessen bei den Wahlen gückloser Anwärter auf den Vorsitz, Moishe Waks, hat seine Kandidatur zurückgezogen. Alexander Brenner, so Forums-Mitglied Arthur Süsskind, habe alle Voraussetzungen, ein guter Gemeindevorsitzender zu werden: Er verfüge über diplomatische Erfahrungen, spreche fließend Russisch und Hebräisch und sei in religiösen Fragen bewandert. Brenner habe Aussicht auf die acht Stimmen der Forums-Vertreter. Die Koalitionsverhandlungen gestalteten sich allerdings schwierig. An den Verhandlungen beteiligt ist der streitbare Vertreter der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, Arkadi Schneiderman, einer der sechs unabhängigen Kandidaten, die ebenfalls für Brenner stimmen wollen. Er hoffe, dass Brenner die "Grabenkämpfe" in der Repräsentantenversammlung beenden könne und die Gemeinefinanzen saniere sagt Schneiderman. Überzeugend sei allein schon Brenners Ankündigung, ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender arbeiten zu wollen. Brenner will auf ein Gehalt verzichten.

Der amtierende Vorsitzende reagierte gestern gelassen auf die Gegenkandidatur. Noch habe weder er noch Brenner eine Mehrheit, sagte Nachama. "Koalitionsverhandlungen" führe auch seine Gruppe, die "Jüdische Einheit".

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