Jüdische Gemeinde : Jazz oder Klezmer

Am Sonntag wählt die Jüdische Gemeinde ihr Parlament und alle Kandidaten versprechen, dass es keinen Streit mehr geben wird. Dabei ist der schon jetzt vorprogrammiert.

Claudia Keller

BerlinKaffeehausmusik, jiddische Lieder, Jazz oder Klezmer? Die musikalischen Vorlieben der vier Gruppierungen, die am Sonntag zur Wahl des Parlaments der Jüdischen Gemeinde antreten, lassen sich deutlicher unterscheiden als ihre Programme. Alle wollen das ramponierte Image der knapp 12.000 Mitglieder zählenden Gemeinde polieren, die Finanzen sanieren, die Einheit von orthodoxen bis liberalen Betern unterm Gemeindedach wahren, die jüdischen Schulen fördern.

„Die Berliner Gemeinde ist die größte. Von hier aus wird sich die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland insgesamt entwickeln“, sagte Michel Friedman am Mittwochabend. In der Bundeshauptstadt, wo die politischen Entscheidungen getroffen werden, brauche es eine jüdische Gemeinde, „die gehört und manchmal auch gefürchtet“ werde. „Unser Leben ist nach wie vor schwierig in Deutschland“, so Friedman weiter, „es gibt nach wie vor viele, die uns hassen.“

Das Bündnis „Atid“ um Lala Süsskind, die frühere Vorsitzende des jüdischen Frauenverbandes „Wizo“, hatte zur Wahlkampfveranstaltung mit Friedman in die Urania geladen. Wie viele der über 500 zumeist grauhaarigen Besucher verstanden, was ihnen Friedman mit großem Engagement zurief, ist fraglich. Viele tauten erst auf, als sich Kandidaten auf Russisch vorstellten. Auch mit der gediegenen Kaffeehausmusik, die Flügel und Kontrabass in den Saal verströmten, konnte nicht jeder etwas anfangen.

Rustikaler ging es bei der Gruppe „Hillel“ zu, die in die Komödie am Kurfürstendamm geladen hatte. Es gab jiddische Lieder, spätestens bei „Jerushalaim-Shel-Zahav“, eine Art israelischer Nationalhymne, klatschen die meisten der 250 Gäste mit. Hillels Spitzenkandidat, der jetzige Gemeindevorsitzende Gideon Joffe, bat Lea Rosh – weder Mitglied der Gemeinde noch jüdisch – auf die Bühne. „Joffe blickt in die Zukunft“, sagte sie. Der Beweis: Er habe ihr Mahnmal für die ermordeten Juden Europas unterstützt.

Welche Musik Joffes Stellvertreter und mittlerweile größter Feind Arkadi Schneiderman und seine Gruppe „Tachles“ mögen, blieb im Dunkeln. Ihre täglich bei Spreekanal und FAB gezeigten Kurzfilme sind musik- und humorfrei. Mitglieder des Wahlbündnisses hätten sich in der jetzigen Repräsentantenversammlung einen „guten Namen“ gemacht, heißt es in der Werbung. Schneiderman selbst ist vor allem für cholerische Ausbrüche bekannt und weil er sich mit jedem anlegt. Er selbst sieht sich stets als Opfer. Die Gruppe „Neue Namen“, der allein russischsprachige Einwanderer angehören, hatte die Unterstützung durch Nicholas Werner. Der Großverleger russischsprachiger Medien veröffentlichte Sonderausgaben seiner „Jüdischen Zeitung“ zur Wahl, in der für „Neue Namen“ geworben wurde.

Wie sich die 9000 stimmberechtigten Gemeindemitglieder entscheiden werden, ist offen. Vor vier Jahren gingen überhaupt nur 35 Prozent zur Wahl. Viele trauen am ehesten Atid und Hillel etwas zu – die beiden Gruppen, die eine Mischung aus russischsprachigen Einwanderern und Alteingesessenen auf die Beine stellten. Auch Schneidermans Gruppe wird wohl einige der 21 Repräsentanten stellen. Wie viele Anhänger die „Neuen Namen“ haben, vermag kaum jemand zu sagen. Vier der 63 Kandidaten treten allein an, so der frühere Gemeindevorsitzende Alexander Brenner.

Viele, die sich zur Wahl stellen, ob Einwanderer oder hier Aufgewachsene, haben gute Ausbildungen, viele sind jung und haben Ideen. Und doch. Irgendetwas verwandelt sie, wenn sie das Gemeindehaus in der Fasanenstraße betreten. Warum sonst gibt es so viel erbitterten Streit, so viele Intrigen unter ihnen? Würden sich die Anwälte, Ärzte, Unternehmer vor Gericht, im Operationssaal oder in der Firma so aufführen wie in den Gemeindeversammlungen, sie würden keinen Prozess gewinnen, ihre Unternehmen wären pleite. „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“, zitierte Michel Friedman den israelischen Staatsmann David Ben Gurion und fügte an: „Ich glaube an das Wunder, dass am Sonntag ein Neuanfang möglich wird.“

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