Berlin : Jüdische Gemeinde kündigt Synagoge

Liberale Betergemeinschaft um Rabbiner Nachama protestiert: „Vorstand fördert Spaltung“

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Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde will eine von sieben Synagogen schließen. Er kündigte den Mietvertrag für das Bethaus im Hüttenweg. Die Zehlendorfer Synagoge, früher vom amerikanischen Militär genutzt, hatten Gemeindemitglieder vor drei Jahren wieder gegründet. Rabbiner Andreas Nachama, der im Hüttenweg amtiert, bezeichnet die drohende Schließung als Aktion „gegen eigenständige liberale Bewegungen in der Gemeinde“. Jael Botsch-Fitterling, Lehrerin und Mitglied des Gemeinde-Präsidiums, bezeichnet die Kündigung als Skandal. Der im Vorstand für Kultusfragen zuständige Natan Del weist jede Kritik zurück.

„Wenn eine Jüdische Gemeinde eine funktionierende Betergemeinschaft ohne vorherige Gespräche an die Luft setzt, ist das demokratisch und religiös ein Versagen auf der ganzen Linie“, sagt Botsch-Fitterling. An jedem Freitagabend kämen im Hüttenweg mindestens zehn Juden, und damit die nach dem jüdischen Ritus erforderliche Mindestzahl, zum Gebet zusammen. Sollte die Gemeinde an der Kündigung festhalten, würde sie damit ihre Spaltung fördern, sagt Jael Botsch-Fitterling. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist eine Einheitsgemeinde, die bislang verschiedene Strömungen des orthodoxen und liberalen Judentums vereint. In der Synagoge im Hüttenweg trifft sich eine liberale Gruppe von dreißig bis fünfzig Gemeindemitgliedern zu Gebeten und anschließenden Gesprächen bei einem Imbiss. Mit der Wahl des sich zur Orthodoxie bekennenden Vorsitzenden Alexander Brenner vor eineinhalb Jahren war in liberalen Kreisen eine religiöse Wende befürchtet worden.

Im Vorstand der Jüdischen Gemeinde wird dies bestritten. Kultusdezernent Natan Del sagt, die Kündigung des Mietvertrages habe allein finanzielle Gründe. Angesichts des großen Finanzdefizits der Gemeinde seien Sparmaßnahmen unerlässlich. Die Räume im Hüttenweg, für die die Gemeinde etwa 2500 Euro Jahresmiete übernimmt, seien „vorsorglich gekündigt“ worden. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen. Del betont jedoch, dass die Synagoge aus einer Privatinitiative um den Rechtsanwalt und Repräsentanten Albert Meyer gegründet worden und damit „keine Institution der Jüdischen Gemeinde“ sei. An der Finanzierung beteiligt habe sich die Gemeinde jeweils nur für ein Jahr, auf Widerruf. Die Betergemeinschaft könne in eine der anderen, „halb leer“ stehenden liberalen Synagogen umziehen.

Rabbiner Nachama, 2001 als Vorsitzender der Gemeinde abgewählt, sagt dagegen, das Bethaus im Hüttenweg sei „eine offizielle Synagoge“. Ihre Unterstützung durch die Gemeinde und ihr Schutz durch deren Sicherheitsdienst seien von der Repräsentantenversammlung beschlossen worden.

Streit gibt es nicht nur in religiösen Fragen. Synagogen-Initiator Albert Meyer hat kürzlich zu Neuwahlen zum Gemeindeparlament aufgerufen. Wegen „Machtkampfbestrebungen“ werde „keine produktive Arbeit mehr geleistet“. Der Vorsitzende der Gemeinde war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Amory Burchard

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