Berlin : Jüdische Gemeinde: Nachama nach vier Jahren fallengelassen

Amory Burchard

Andreas Nachama geht, Alexander Brenner kommt. Die Jüdische Gemeinde hat einen neuen Vorsitzenden. Nicht nur die 12 000 Gemeindemitglieder sind gespannt, in welche Richtung der neue Mann die jüdische Gemeinschaft lenken wird. Der Regierende Bürgermeister schrieb Brenner gestern, es werde ihm sicher gelingen, "die Leistungen seines Vorgängers um Ausgleich und Verständigung" fortzusetzen.

Für Insider war der Sieg Brenners keine Überraschung mehr. Obwohl bis zum letzten Tag die Telefonverbindungen zwischen den Mitgliedern des Nachama-Wahlbündnisses Jüdische Einheit, dem oppositionellen Jüdischen Forum und unabhängigen Vertretern heißliefen, fand Nachama keine Mehrheit. Bei den Vorstandswahlen am Mittwochabend erhielt er nur 8 von 21 Stimmen der Gemeindevertreter und ist damit nicht einmal im Führungsgremium vertreten. Seine Kritiker werfen ihm vor, die Gemeinde nicht entschlossen genug geführt zu haben. Bei den Wahlen im März errang Nachama noch 1600 Stimmen, Brenner mit 1400 Stimmen den zweiten Platz.

Trotzdem sah den unscheinbaren 70-Jährigen mit dem Fünftagebart zunächst niemand als möglichen Vorsitzenden der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Als Nachamas Gegenkandidat war Moishe Waks angetreten. Nachdem er bei den Wahlen aber nur auf Platz 14 kam, zog er seine Kandidatur zurück. Auch Nachama war kein kämpferischer Kandidat. Ein Jahr vor der Wahl verkündete er, nicht mehr antreten zu wollen. Dann stieg er wieder in den Ring, betonte aber, dass er nicht siegen müsse.

Ungeduldig verfolgten im Saal des Gemeindehauses rund 100 Zuschauer die Antrittsrede der Alterspräsidentin. Sylva Franke lobte, Nachama habe das Ansehen der Gemeinde verbessert und Gehör bei Senat und Bundesregierung gefunden. In der Gemeinde aber habe weiterhin "Neid, Inkompetenz und Arroganz" regiert.

Den Wahlen um den Vorsitz der 21-köpfigen Repräsentantenversammlung und in den fünfköpfigen Gemeindevorstand folgten die Zaungäste in atemloser Stille. Vor der Stimmabgabe hatte sich herumgesprochen, mit welchem "Deal" Nachama zu retten wäre. Wenn der Rechsanwalt Albert Meyer zum Vorsitzenden der Gemeindeversammlung gewählt werden würde, wolle er bei der Wahl zum Vorstand für Nachama stimmen. Das Rennen machte Arthur Süsskind, ein Brenner-Unterstützer. "Jetzt zieht Nachama seine Kandidatur zurück", raunte es durch den Saal. Tat er nicht - und musste eine bittere Niederlage einstecken.

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