Jüdische Gemeinde : Unversöhnlich

Lala Süsskind und ihr Team wollten Ruhe in die Jüdische Gemeinde bringen. Ein Jahr lang hielt der Frieden Jetzt regiert schon wieder eine Atmosphäre des Streits und der gegenseitigen Beschuldigungen.

Claudia Keller/Ralf Schönball
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Schwere Aufgabe. Lala Süsskind (hier bei einer Parlamentssitzung im Charlottenburger Gemeindehaus) ist seit zwei Jahren...Foto: ddp

Im September ging es bei der Sitzung des Gemeindeparlaments so hoch her, dass der Gemeindeälteste Isaak Behar vor Aufregung einen Schwächeanfall erlitt und ärztliche Hilfe brauchte. Bei der Sitzung im November verließ Behar frühzeitig den Saal der Jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße, um seine Gesundheit zu schonen. Die Tagung verlief nicht minder turbulent.

So kennt man es aus der Jüdischen Gemeinde in Berlin: Es wird gestritten und beleidigt, gemauschelt und getrickst bis zur allseitigen Erschöpfung. Die Gemeinde hat sich seit den 90er Jahren verdreifacht durch die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie ist heute mit 11 000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Deutschland. Durch den Zuwachs sind neue Gruppierungen und Zerklüftungen entstanden, neue Machtansprüche und Egoismen treffen auf tradierte Eitelkeiten. In den vergangenen zehn Jahren gab es fünf Gemeindevorsitzende, die Vorstände wechselten manchmal halbjährlich. Kein Vorsitz, kein Vorstand, kein Gemeindeparlament schaffte es, Ruhe hineinzubringen. Der Höhepunkt der internen Querelen war erreicht, als vor fünf Jahren die Polizei das Gemeindehaus durchsuchte und die Staatsanwaltschaft wegen Betruges ermittelte.

Aber dann gewannen vor zwei Jahren Lala Süsskind und ihr Team „Atid“ (Zukunft) mit großer Mehrheit die Gemeindewahlen, und viele Mitglieder und Mitarbeiter atmeten auf. Atid versprach „Transparenz“, eine „verlässliche Personalpolitik“ und den Abbau des über zwei Millionen Euro tiefen Haushaltsdefizits.

Ein Jahr lang sah es tatsächlich aus, als sei ein Neuanfang gelungen, als könne die charmante und ausgleichende Lala Süsskind die auseinanderstrebenden Gruppen und Interessen zusammenführen. Wer aber bei den Sitzungen des Gemeindeparlaments in den vergangenen Monaten dabei war, hat den Eindruck, dass es mit der neuen Sachlichkeit schon wieder vorbei ist. „Die Stimmung in der Gemeinde ist sehr schlecht“, sagt der frühere Gemeindevorsitzende Alexander Brenner. Mitarbeiter klagen, sie würden gemobbt, es herrsche eine „Atmosphäre der Angst“. Die Opposition wirft dem Vorstand vor, sich selbst zu bedienen und „Vetternwirtschaft“ zu betreiben.

Es sind die alten Vorwürfe, die man auch vor drei und vor acht Jahren gehört hat. Wie damals weisen die Beschuldigten die Vorwürfe von sich. Aber einige Maßnahmen des Gemeindevorstands wirken auf externe Beobachter doch reichlich seltsam. Zum Beispiel, was das Thema Sparen angeht.

„Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, müssen wir die Gemeinde in zehn Jahren schließen“, hatte Süsskind nach Amtsantritt mit Blick auf die Finanzen gesagt. So wurde die Schulgebühr erhöht, und nicht mehr jedes Kind wird mit dem von der Gemeinde finanzierten Schulbus von zu Hause abgeholt. Um Sparwillen zu demonstrieren, legte man sich auch mit dem ebenso prominenten wie prozesserfahrenen und streitlustigen Gemeindemitglied Artur Brauner an. Per Gerichtsbeschluss und mit Hilfe eines Haftbefehls versuchte man 3613,24 Euro „Mietschulden“ bei ihm einzutreiben. Brauner konterte mit einer Gegenklage gegen die Gemeinde. Die Forderungen seien völlig unangemessen, schimpft er, sie würden einen Raum betreffen, der wegen Schimmelbefall ohnehin nie genutzt werden konnte. Jetzt will er von der Gemeinde 20 000 Euro für Einbauten und die Sanierung der Mieträume. „Es geht hier nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit“, sagt Brauner. Er werde nicht ruhen, „bis der ganze Vorstand abgesetzt ist“. Dass man den 91-jährigen Brauner wegen 3600 Euro angeht, hat viele ältere Gemeindemitglieder aufgebracht.

Zumal der Vorstand gleichzeitig 14 neue Dienstwagen angeschafft hat. „Zur vordringlichen Aufgabe einer Religionsgemeinschaft gehört ja wohl nicht die Anschaffung eines Fuhrparks“, sagt der Gemeindeälteste Isaak Behar. Zumal er seit Monaten dafür kämpft, dass für die kleine sephardische Synagoge in der Passauer Straße neue Stühle gekauft werden. Dafür sei leider kein Geld da, wurde ihm gesagt. Behar ist sauer.

Die Gemeinde habe durch die Anschaffung der neuen „Flotte“ Geld gespart, verteidigte sich der dafür offenbar zuständige Personaldezernent Mark Jaffé. Man habe vom Großkundenrabatt des Senats profitiert; auch seien die neuen Autos nicht so reparaturanfällig wie die zehn alten. „Wofür braucht die Berliner Gemeinde mit 11 000 Mitgliedern überhaupt 14 Dienstautos?“, fragt sich nicht nur Sergey Lagodinsky von der Opposition. Drei Autos werden von Sicherheitsleuten genutzt, sagt der Personaldezernent. Man habe überdies im „Kampf um gute Köpfe“ gepunktet, indem man bei Neueinstellungen mit Dienstwagen geworben habe. So hat zum Beispiel die neu eingestellte Bildungsreferentin eines der Autos bekommen. „Warum muss die finanziell klamme Gemeinde einer Bildungsreferentin, die nur in Berlin unterwegs ist, einen Dienstwagen stellen?“ – die Antworten sind für viele nicht befriedigend. Einen unguten Beigeschmack hat es für etliche auch, dass die 14 Autos ausgerechnet in dem Autohaus bestellt wurden, in dem der Finanzdezernent privat kauft. Ebenso anrüchig finden manche, dass neue Computer für die Grundschule bei der Firma gekauft wurden, bei der die Frau des Personaldezernenten Mark Jaffé bis vor kurzem gearbeitet hat. „Mit Transparenz hat das nichts zu tun“, schimpft der frühere Gemeindevorsitzende Alexander Brenner. Jaffé verteidigt das damit, dass diese Firma nunmal die besten Konditionen geboten habe und man mit dem „digitalen Klassenzimmer“ in der Öffentlichkeit gut dastehe. „Geschäfte mit Firmen, in denen Familienmitglieder arbeiten – so was macht man einfach nicht“, hält Brenner entgegen.

Auch dass so viele neue Mitarbeiter eingestellt wurden, geht für viele nicht mit dem strikten Sparkurs zusammen, den Lala Süsskind und ihr Team eigentlich fahren wollten. Die Gemeinde ist mit ihren 11 000 Mitgliedern in etwa so groß wie die größte katholische Innenstadtgemeinde. Bei Amtsantritt des Atid-Teams hatte sie rund 400 Mitarbeiter. Als gleich im ersten Jahr neue Mitarbeiter eingestellt wurden, anstatt Personal abzubauen, hieß es, wer langfristig sparen wolle, müsse erstmal investieren. Das habe er ja noch verstanden, sagt Alexander Brenner. Aber dass nun schon 43 neue Leute eingestellt wurden, könne kaum noch einer nachvollziehen.

Ein umfassendes Sparkonzept für das Haushaltsloch hat der Vorstand auch nach zwei Jahren noch nicht vorgelegt. Das sei schwierig, weil es in den vergangenen Jahren keine durchgängige Kostenrechnung gegeben habe, rechtfertigt sich der Finanzdezernent. Man arbeite daran.

Und die Gemeindevorsitzende? Immer häufiger hört man jetzt den Vorwurf, sie habe ihre Leute nicht im Griff. „Die meisten Vorwürfe sind richtig“, sagt Lala Süsskind. Es müsse wieder ein besseres Miteinander geben. Jeder Vorstand mache nun einmal Fehler. „Wir sind nicht die Allerheiligsten.“ Süsskind steht zum Atid-Team, sie schützt den Personaldezernenten. „Könnt ihr nicht mal das Positive sehen, anstatt immer alles schlecht zu reden“, gab sie den Vorwurf an die Opposition zurück. „Die viele ehrenamtliche Arbeit, die hier geleistet wird?“

Die schlechte Stimmung werde Süsskind so nicht auflösen, vermutet Sergey Lagodinsky. Aber zumindest einer ist mittlerweile besänftigt: Der Gemeindeälteste Isaak Behar hat seine Stühle für die Synagoge bekommen. Die Spende eines Gemeindemitglieds machte es möglich. Claudia Keller/Ralf Schönball

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