Jüdisches Leben : Berlins Synagogen: Der Rest vom Glanz

Zwei Berliner Synagogen feiern Jubiläen: Die mit den Kuppeln an der Oranienburger Straße wird am Montag 150, die am Fraenkelufer in Kreuzberg an diesem Sonntag 100 Jahre alt.

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Goldstandard. Die Kuppeln der Neuen Synagoge sind echt golden.
Goldstandard. Die Kuppeln der Neuen Synagoge sind echt golden.Foto: dpa

Der Goldglanz der strahlenden Kuppeln verziert die nun nicht gerade schöne Oranienburger Straße. Touristengruppen stehen vor dem Haupttelegrafenamt auf der gegenüberliegenden Seite der Oranienburger Straße, halten ihre Handys in die Höhe und fotografieren den Hingucker. Mitten in der Stadt dieses Glanzes Fülle...

Am Montag, 5. September, um 15 Uhr, wird die Ausstellung „mittenmang und tolerant“ vor der Neuen Synagoge eröffnet. Dies ist exakt der Synagogen-Einweihungstag vor 150 Jahren. Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 11. September, finden von 10 bis 20 Uhr bei freiem Eintritt zahlreiche Veranstaltungen im ganzen Hause statt. Der langjährige Leiter der "Neuen Synagoge Berlin - Centrum Judaicum", Hermann Simon, moderiert ab elf Uhr auf der Freifläche, wo einst das Haupthaus stand, ein Konzert mit Kompositionen, die schon zur Eröffnung vor 150 Jahren gespielt wurden.

Tempo hier, Gemütlichkeit da

Das Haus, von Polizisten bewacht, wirkt abgesperrt. Aber wer mehr über die Neue Synagoge erfahren möchte, wird gerne eingelassen, durchmisst eine Sicherheitsschleuse, zahlt fünf Euro und darf das Haus besichtigen. Er kann ganz oben anfangen: Mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock, von dort noch 40 Steinstufen – und dann sieht er durch die hohen Fenster der Kuppel das Berliner Leben rings um die „Oranienburger“ – ein Mischmasch aus Alt und Neu, Tempo hier, Gemächlichkeit da. Das einstige Scheunenviertel ist nicht fern.

Chana Schütz und Hermann Simon leiteten viele Jahre als Team die Stiftung Neue Synagoge.
Chana Schütz und Hermann Simon leiteten viele Jahre als Team die Stiftung Neue Synagoge.Foto: Mike Wolff

Die schlimmen Zeiten für dieses Bauwerk sind lange vorbei. Der größte Teil des ausgedehnten Bauwerks ist verschwunden, im Krieg wurde der Synagogenhauptraum zerstört. Er hatte 3200 (!) Sitzplätze, die Neue Synagoge war das größte jüdische Gotteshaus in Deutschland. Die „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung“ schwärmte: „Ihre Ausschmückung ist ebenso reich als geschmackvoll und erinnert unwillkürlich an die Zauberräume der Alhambra und die schönsten Denkmäler der arabischen Architektur. Decke, Wände, Säulen, Bögen und Fenster sind mit verschwenderischer Pracht ausgestattet und bilden mit ihren Vergoldungen und Verzierungen einen wunderbaren, zu einem harmonischen Ganzen sich verschlingenden Arabeskenkranz von feenhafter, überirdischer Wirkung“.

600 Gramm Blattgold reichten für drei Kuppeln

Die Synagoge „zum Ruhme Gottes und zur Zierde der Stadt“ wurde zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens in einer Stadt, die 1925 genau 172 672 Berliner jüdischen Glaubens zählte, das waren 4,3 Prozent der Bevölkerung. In der Pogromnacht 1938 verhinderte der beherzte Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld, dass die Synagoge verbrannte. Fliegerbomben hinterließen im November 1943 eine Ruine, die 1958 gesprengt wurde. Die Synagoge war Geschichte. Der vordere Teil ist ab 1988, nach Gründung der „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, restauriert worden. 600 Gramm Blattgold geben den drei Zinkkuppeln das Gepräge, und wieder strahlen über dem Hauptportal die Worte „Tuet auf die Pforten, dass einziehe das gerechte Volk, das bewahret die Treue“ (Jesaja 26,2).

Berlins jüdische Gemeinschaft hat ein weiteres Jubiläum im Kalender: Am heutigen Sonntag feiert die Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer ihr 100-jähriges Bestehen. Beim Festakt ab 14 Uhr sprechen der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe, und Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Es gibt einige Parallelen zwischen dem kleineren Gebetshaus in Kreuzberg und der großen Synagoge in der Mitte Berlins: Von beiden fehlt die große Basilika, beide bezeugen in den verbliebenen Gebäuden die jüdische Geschichte Berlins. Am Fraenkelufer steht nurmehr die einstige Jugendsynagoge. Hier brennt die „Ner tamid“, die ewige Flamme jüdischen Lebens. Dass hundert Jahre nach der Gründung der Synagoge, deren Architekt Alexander Beer im Mai 1944 im KZ Theresienstadt ermordet wurde, wieder eine junge und wachsende Beterschaft aktiv ist, sei der wahre Anlass zur Jubiläumsfeier, sagt Nina Peretz, die rührige Vorsitzende der Freunde der Synagoge Fraenkelufer.


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