• Jüdisches Leben in Berlin: Der ganz normale Belagerungszustand: Besuch bei einer jüdischen Grundschule

Berlin : Jüdisches Leben in Berlin: Der ganz normale Belagerungszustand: Besuch bei einer jüdischen Grundschule

Clemens Wergin

Es ist ein ganz normaler Tag. Auch nach dem Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf und nachdem der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sagte, man müsse die Anwesenheit jüdischer Gemeinden in Deutschland überdenken, ist an der Heinz-Galinski-Grundschule in Charlottenburg alles wie gehabt. Vor der Tür stehen zwei Polizeibeamte. Die Schule gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Wer hinein will, muss eine gläserne Sicherheitsschleuse passieren und den israelischen Sicherheitskräften Rede und Antwort stehen. Das Übliche eben.

Alles ist idyllisch hier draußen. Die Schule liegt am Waldrand neben einem Villenviertel. Die expressive, offene Architektur von Zvi Hecker erinnert an einen berstenden Davidstern. Allein, man kommt nicht hinein, um sie zu bewundern. Und mit dem Zaun drumherum wirkt die Schule eher wie eine Festung. Schulleiterin Ronit Vered bleibt am Telefon stur. Einfach mal so die Schule besuchen geht nicht. Nichts zu machen. Nicht mal in nächster Zeit. Auch über Diskussionen nach den letzten Anschlägen will Vered nichts preisgeben. "Das ist für uns im Moment kein Thema", sagt sie.

Also die Sicherheitsbeamten. Aber die wollen anonym bleiben. "Wenden Sie sich doch an meine vorgesetzte Dienststelle", meint der Polizist vor dem Schultor, denn: "Man kann ja so schnell etwas Falsches sagen." Seit drei Jahren patrouilliert er hier mit seinen Kollegen. 24 Stunden am Tag wird die Grundschule bewacht. Vorgefallen sei noch nichts, nicht einmal Schmierereien. Manchmal müsse man die israelischen Sicherheitskräfte am Einlass unterstützen, wenn es Sprachprobleme gibt. Ansonsten: keine besonderen Vorkommnisse. Nur, was ist hier schon normal: Wenn die Kinder zum Sportunterricht die Schule verlassen, geht der israelische Sicherheitsbeamte mit bis zur Straße. Wirft links und rechts einen Blick die Allee hinunter, ob ihm etwas Verdächtiges auffällt. Es herrscht Belagerungszustand. Vielen Juden ist diese Sonderstellung peinlich. Vor jeder jüdischen Einrichtung ist ein Wachposten anzutreffen. Anfangs sollte dies arabische Terroristen abschrecken. Inzwischen dienen die Beamten auch als Schutz gegen die da draußen: Jene gewalttätigen Rechten, die Deutschland zur befreiten Zone machen wollen.

Eine zierliche, ganz in Schwarz gekleidete Lehrerin passiert die Sicherheitsschleuse. Sie kommt aus Jerusalem, das ist das Einzige, was sie freiwillig erzählt. Auch eine ältere Kollegin mit kurzen, grauen Haaren ist nicht auskunftswillig, wehrt auf Berlinerisch ab. Dann endlich erbarmt sich einer. Nur der Name soll bitte nicht genannt werden. "Schreiben Sie H.S.", sagt er. Anschläge würden im Kollegium und im Gespräch mit den Eltern nicht immer zum Thema gemacht. Schlimm sei aber, was die Kinder berichteten. Dass Freunde als "dreckige Juden" beschimpft werden, gehöre schon zum Alltag. Dennoch habe Spiegel wohl etwas überspitzt, seine Infragestellung jüdischen Lebens in Deutschland entspräche "nicht unbedingt der Stimmung an der Schule".

Der Rektor des jüdischen Gymnasium in der Großen Hamburger Straße, Uwe Mull, hat weniger Berührungsängste. Seit Tagen klingeln bei ihm die Telefone, kommen Filmteams, um Oberschüler zu interviewen. Seit den Anschlägen werde unter den jüdischen Schülern ein fast schon erledigt geglaubtes Thema wieder diskutiert: Ob man in Deutschland bleiben will. "Die sagen: Ja, noch Abitur machen, aber dann gucken, geh ich nach Israel oder anderswohin", erzählt Mull. Vorher habe das kaum zur Debatte gestanden. Vom ersten Abiturjahrgang, der gerade die Schule verlassen hat, würden deshalb auch alle in Deutschland studieren. Aber die Stimmung beginnt zu kippen.

Besonders in Mitte zeigt sich mit koscheren Restaurants und einem Lebensmittelladen wieder jüdisches Leben in der Stadt. Doch auch vor dem Leo-Baeck-Haus und dem "Beth Café" in der Tucholskystraße stehen ständig Polizisten. Das "Oren" in der Oranienburger wird von den Bewachern der ehemaligen Synagoge gleich mit geschützt. Der Düsseldorfer Gemeinderabbiner Michael Goldberger sagte nach dem Anschlag, "wir sehnen uns nach den Zeiten, in denen in Deutschland keine Schutzmaßnahmen für Juden mehr nötig sind". Eine Utopie?

Vor der Heinz-Galinski-Grundschule kommt einer der jungen israelischen Sicherheitsleute aus dem Glaskasten. Er kontrolliert die vor der Schule geparkten Autos nach Auffälligkeiten. Doch woran sollte man eine Autobombe erkennen? Betont lässig trägt er die weiten, tief sitzenden Jeans. Mit dem schwarzen, offenen Hemd und der dunklen Sonnenbrille wirkt er fast wie ein Urlauber. Steif vom langen Sitzen streckt er sich der etwas zaghaften Sonne entgegen. Für einen Moment lugt der Revolver im Hüftholster unter dem Hemd hervor. Ein ganz normaler Tag eben.

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