Jüdisches Leben in Deutschland : Auch „Russen“ sind Juden

Wer ist schuld, wenn es in den jüdischen Gemeinden undemokratisch oder islamfeindlich zugeht? Natürlich Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Liebe Alteingesessene, legt eure Vorurteile ab!

Dmitrij Belkin
Jüdisches Leben in der Synagoge in der Berliner Rykestraße.
Jüdisches Leben in der Synagoge in der Berliner Rykestraße.Foto: picture-alliance/ dpa

Jüdische Vielfalt ist in Deutschland angesagt, alle preisen sie. Besonders die Berliner Community wird für ihre Internationalität gelobt: Nicht nur Israelis finden sich hier, auch jüdische Amerikaner, Franzosen, Kanadier. Nur über eine jüdische Gruppe hört man selten Gutes: über „die Russen“. Sie gelten nicht als Teil der bunten Vielfalt, sondern als graue Einheitstruppe.

Kommt es bei Wahlen in der zerrissenen Jüdischen Gemeinde Berlins zu Unregelmäßigkeiten, sind sofort „die Russen“ schuld, aus denen einfach keine Demokraten zu machen seien. Kochen unter den in Deutschland lebenden Juden Ängste vor dem angeblichen oder tatsächlichen Antisemitismus muslimischer Flüchtlinge hoch, heißt es schnell, das seien allein die Ängste „der Russen“, denen das Fremdenfeindliche nicht auszutreiben sei. Sie sind so etwas wie Trump, Erdogan und Putin in einem: ein politischer Blitzableiter.

Dabei besteht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu etwa 90 Prozent aus solchen „Russen“. Knapp eine Viertelmillion sogenannter jüdischer Kontingentflüchtlinge sind seit dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland eingewandert. Es ist eine alles andere als einheitliche Gruppe. Warum wird sie so gerne über einen Kamm geschoren? Das Feindbild stammt aus dem geschützten Raum BRD, als „der Russe“ in seinen sibirischen Weiten noch ein Gegner war. „Wenn es die Russen bloß nicht gäbe“ – wie oft habe ich diesen sehnsüchtigen Satz in der Jüdischen Gemeinde Berlins gehört! Was dann, Freunde? Dann hättet ihr heute in Deutschland keine jüdische Gemeinde mehr und würdet euch die Mahnmale und Museen, die sich die nichtjüdische Gesellschaft trotzdem gebaut hätte, exklusiv anschauen.

Die Frage lautet: Was tun?

Nun sind „die Russen“ aber da. Als lebende Zeugen des Gedenkens an die Verbrechen der Nazis – für die Mehrheitsgesellschaft. Zum temporären Draufhauen oder Loben der eigenen „Integrationsleistung“, wenn es kriselt in den jüdischen Gemeinden und ihren bis heute meist nichtrussischen Führungsstrukturen.

Die Frage lautet: Was tun? Im April 1917 verfasste Lenin seine berühmten „Aprilthesen“ zur Vorbereitung der Oktoberrevolution. Ich möchte heute ein paar „Novemberthesen“ formulieren – nicht als Aufruf zur Revolution, sondern um uns Handlungsoptionen zu bieten.

Liebe Alteingesessene in und außerhalb der jüdischen Gemeinden!

Weg mit den Klischees! Respektiert eure „Russen“, denn sie sind die Zukunft des deutschen Judentums!

Fragt eure Mitrussen, wie es ihnen geht! Erkundigt euch nach ihrem sowjetischen Vorleben, das euch in der Regel nicht interessiert, aber interessieren sollte!

Hört auf, eure eigenen Ängste vor den muslimischen Einwanderern zu verschleiern, indem ihr sie hinter der „totalitären Prägung“ der Russen versteckt!

Redet euch nicht ein, dass erst eure Kinder es schaffen werden

Liebe „Russen“, die ihr in Wirklichkeit jüdische Ukrainer, Russen, Weißrussen, Georgier oder Kasachen seid!

Redet euch nicht ein, dass „erst unsere Kinder das alles schaffen werden“. Schafft es lieber selbst. Lernt politisch und beherrscht zu kommunizieren, lernt zu verwalten!

Interessiert Euch für Nachrichten aus Berlin und Deutschland! Ihr kämpft verbittert gegen Putin, trotzdem dominiert er eure Fernsehabende. Lasst Putin hinter euch!

Vergesst die Formel: „In Israel wollen uns die Araber vernichten, jetzt bedrohen sie uns auch vor unserer Haustür in Deutschland!“ Die Menschen, die zu uns kommen, sind so unterschiedlich wie ihr selbst. Differenziert!

Ihr „Alten“ und „Neuen“ in den Gemeinden: Hört auf, Seilschaften und Machtdynastien zu bilden! Lasst uns unsere religiösen, kulturellen und politischen Strukturen demokratisch gestalten! Ein Miteinander sollte unser Ziel sein – im jüdischen wie im gesamtdeutschen Leben.

An die Arbeit!

Dmitrij Belkin ist Historiker und Referent des jüdischen Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks in Berlin. Soeben erschien sein Buch „Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde“ (Campus Verlag).

Dieser Text erschien zunächst gedruckt als Rant in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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