• Jüdisches Leben unter Nationalsozialisten: Untergetaucht in Berlin: Wir waren Freiwild

Jüdisches Leben unter Nationalsozialisten : Untergetaucht in Berlin: Wir waren Freiwild

Von über 5000 Juden, die in Berlin nach 1939 in den Untergrund gingen, überlebten nur 1800, darunter die Familie Segal. Der Aufwand, den sie betrieb, ist herausragend – und zugleich exemplarisch.

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Gerda, Erna, Manfred und Aron Segal im Sommer 1938 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, welche Ausmaße die nationalsozialistische Verfolgung der Juden annehmen wird und dass sie eines Tages versuchen werden, versteckt in Berlin zu überleben.
Gerda, Erna, Manfred und Aron Segal im Sommer 1938 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, welche Ausmaße die...Foto: privat

Ein grauer Morgen im November 1956. Welkes Laub bedeckt die Wege. Erna Segal blickt aus ihrem Haus im amerikanischen Denver. Nach einer halb durchwachten Nacht, müde, nicht ausgeschlafen. Sie sitzt am Frühstückstisch, allein, hört Radio und tippt auf ihrer Schreibmaschine. In deutscher Sprache. Ihre Geschichte vom Überleben als Jüdin im Berliner Untergrund zwischen 1942 und 1945. Eine Geschichte, die auch deshalb bemerkenswert ist, weil sie nicht nur das Schicksal einer einzelnen Person betrifft, sondern das einer vierköpfigen Familie. Und bis heute, 2014, noch nirgendwo einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Obwohl Erna Segal die Jahre im Untergrund, die Unzahl an Verstecken und Treffpunkten, an Helfern und ihren Motiven, besonders detailgenau und aus vergleichsweise großer zeitlicher Nähe rekonstruiert.

Auf beinahe 300 Seiten berichtet sie über die Jahre der Diskriminierung und Verfolgung im Hitler-Reich – und besonders über die 882 Tage in wechselnden Verstecken. An jenem Novembermorgen, an dem sie beim Schreiben am Fenster „den Klängen einer guten musikalischen Übertragung“ lauscht und fieberhaft auf den Postboten wartet, „der mir die Aufforderung, mein Citizenship machen zu dürfen, bringen sollte“, erinnert sich Erna Segal: „Wir hatten das Glück, mit Gottes und guter Menschen Hilfe diese unglaubliche und fürchterliche Zeit zu überleben.“

Eine Zeit, auf die zunächst noch nichts hinzudeuten scheint: Als die 28-Jährige im März 1927 mit ihrem Mann Aron und den drei kleinen Kindern Hugo, Gerda und Manfred von Wien in die pulsierende Hauptstadt der Weimarer Republik zieht, ahnt sie nichts von den schrecklichen Jahren, die sie hier erleben wird. Von Berlin ist sie begeistert: „Wir waren völlig unpolitisch und auch uninteressiert. Wir hörten ab und zu von politischen Reibereien der vielen Parteien, aber es berührte uns kaum. Berlin gefiel uns, und wir lebten uns daher schnell ein.“ Die Familie führt ein gutbürgerliches Leben. Die Segals wohnen in einer 5-Zimmer-Wohnung „Am Stadtpark 12“ in Lichtenberg und eröffnen in einem ihrer drei Mietshäuser, in der Revaler Straße 4 in Friedrichshain, ein Pelzwarengeschäft. Das Geschäft, nur einen Steinwurf von der Warschauer Straße entfernt, dort, wo heute der Parkplatz eines 24-Stunden-Supermarkts ist, läuft gut. Die Mieteinnahmen tragen zusätzlich zum Familieneinkommen bei.

Die größte jüdische Gemeinde befindet sich in Berlin

Doch mit der Machterlangung der Nationalsozialisten 1933 ändert sich ihr Leben schlagartig. „Jeder Tag brachte etwas Neues, neue Lügen und bösartige Verleumdungen, Hetzen, gar nicht zu sprechen von dem Erlass der Nürnberger Gesetze“, resümiert Erna Segal die folgenden Jahre. Noch vor 1935 geben die Segals das Geschäft auf, haben aber zunächst weiterhin die Mieteinnahmen ihrer Häuser – neben dem in der Revaler Straße sind das noch eins in der Neuköllner Weserstraße und eins in der Lichtenberger Rupprechtstraße. Doch auch die bereiten Schwierigkeiten – ein Mieter, der monatelang keine Miete zahlt, schlägt Aron sogar zusammen, als der ihn zur Rede stellen will. Die Folge: eine Vorladung der Gestapo – für Aron Segal. Dank der österreichischen Staatsbürgerschaft wird er nur verwarnt.

Untergetaucht in Berlin: Das Überleben der Familie Segal
Gerda, Erna, Manfred und Aron Segal im Sommer 1938 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, welche Ausmaße die nationalsozialistische Verfolgung der Juden annehmen wird und dass sie eines Tages versuchen werden, versteckt in Berlin zu überleben.Weitere Bilder anzeigen
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09.11.2014 12:21Gerda, Erna, Manfred und Aron Segal im Sommer 1938 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, welche Ausmaße die...

Die Segals selbst müssen in dieser Zeit mehrfach umziehen, werden in immer kleinere Wohnungen gedrängt. Trotz der wachsenden Diskriminierung bleiben sie aber in Berlin und schmieden erst 1938 erste Auswanderungspläne. Die platzen jedoch 1939, weil ihnen die Überfahrt mit einem italienischen Schiff nach Chile verboten wird. Im gleichen Jahr beschließt der erst 18-jährige älteste Sohn Hugo, auf eigene Faust nach Belgien zu gehen und von dort aus eine Auswanderung nach Amerika voranzutreiben. Erna und Aron sind „fassungslos und konnten sich nicht entschließen, sich von ihrem geliebten Sohn zu trennen“.

Im Herbst 1941 leben noch ungefähr 164.000 Juden in Deutschland. Die größte jüdische Gemeinde befindet sich in Berlin und zählt circa 73.000 Menschen. Viele von ihnen sind nach 1933 hergezogen, um in der Anonymität der Großstadt Schutz zu finden. Außerdem sind Auswanderungsbestrebungen durch die vielen ausländischen Vertretungen in Berlin besser zu organisieren. Am 23. Oktober 1941 wird den Juden dann die Auswanderung per Gesetz verboten. Die ungefähr zur gleichen Zeit beginnenden Deportationen geben Juden nur noch wenige Möglichkeiten, dem drohenden Unheil zu entkommen.

Mit Sorge beobachtet Erna die Entwicklungen im Bekanntenkreis: „Jeden Tag wurden andere jüdische Mieter abgeholt und einige verschwanden.“ Auch von ihren Verwandten in Wien erhält sie nach deren Deportationen kein Lebenszeichen mehr; Sohn Hugo ist zu dieser Zeit schon in einem Internierungslager in Frankreich gelandet und schreibt ihr von den schrecklichen Zuständen.

Ein Wehrmachtssoldat warnt die Familie

Den Anstoß zum Untertauchen gibt ihnen ein unbekannter Wehrmachtsoldat auf Heimaturlaub, um Ostern 1942. Er folgt Erna, die zu dieser Zeit Zwangsarbeit in einer Uniformfabrik leistet, als sie aus der Straßenbahn aussteigt. Er bittet sie, ihren Stern zu verdecken, damit er mit ihr reden könne. Der Soldat berichtet Erna von seinen Erlebnissen in Polen und Russland. Erna ist über diesen Bericht „starr und konnte es nicht glauben“. Zu Hause angekommen, berichtet sie alles ihrer Familie. Ihr Mann will an einen Scherz glauben. Segals befragen deshalb einen Freund, der Kontakte zum rumänischen Konsulat hat. Dieser bestätigt die Schilderungen des Soldaten. Und der unbekannte Wehrmachtssoldat ist nicht der Einzige, der die Familie warnt. Auch ein Mieter ihres Hauses in der Weserstraße 24, ein SS-Mann, äußert seine Bedenken: „Wenn ich Ihnen raten darf, lassen Sie alles liegen und stehen, retten Sie Ihre Familie und sich selbst, ehe es zu spät ist.“

Für Erna steht nun fest, dass sie, sollte der Deportationsbefehl kommen, ihm nicht folgen würde. Während Aron zögerlich bleibt, wird seine Frau die treibende Kraft: „Ich habe all die Jahre seine Wünsche respektiert und war nun gewillt, allein zu handeln“, schreibt sie über die Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Mann. Die beiden jüngeren Kinder Gerda und Manfred, zu diesem Zeitpunkt 18 und 16 Jahre alt, unterstützen die Mutter bei dem Plan, in den Untergrund zu gehen.

Das Hauptproblem, das ahnt Erna, wird die Suche nach einer Unterkunft sein: „Ich zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf.“ Als erste Anlaufstationen wählt sie, die selbst jahrelang ehrenamtlich für das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt in Lichtenberg arbeitete, einen Priester und einen evangelischen Arzt in der Nähe ihrer Wohnung. Beide hören ihr zu und reagieren gleich: mit einem Nein zur Frage nach Hilfe. Der Priester, weil er „selbst vorläufig keinem Menschen trauen würde und die Kirche viel zu klein wäre“; der Arzt ist zunächst sprachlos und „wusste zwar von den Verschleppungen der Juden, konnte sich aber nicht vorstellen, dass deutsche Menschen diese Grausamkeiten vollbringen können“.

Die erste Person, die ihr Hilfe zusichert, ist die gebürtige Polin Wanda Feuerherm. Die 37-jährige Näherin lebt selbst äußert bescheiden mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer aus Brettern zusammengestellten Laube in der Kolonie „Dreieinigkeit“ in Lichtenberg, jener heute längst für Wohnhäuser verschwundenen Kolonie, in der sich auch der spätere Entertainer und Fernsehmoderator Hans Rosenthal versteckt hielt. Sie ist die „arische“ Nachbarin eines älteren jüdischen Ehepaars, das Erna Segal jahrelang im Rahmen ihres Ehrenamtes unterstützt hat. Über das Ehepaar lernen sich die beiden Frauen kennen. Wanda ist laut Erna empört über die Nazis und hasst sie. „Sie wollte uns helfen, soweit es in ihrem Bereich war.“ Zunächst gibt sie der Familie Lebensmittel, im Spätsommer 1942 erklärt sie sich nach Ernas Bitte bereit, die 18-jährige Gerda aufzunehmen, wenn die Familie in den Untergrund gehen sollte. So wird sie in den kommenden Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Segals – und damit laut Erna zum „Meilenstein“ in dem Kampf ums Überleben.

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