Berlin : Jüdisches Museum: Der Umbauer

Thomas Loy

Zum Tag der Eröffnung wird man sich an den Architekten erinnern. Sicher. Dann an die Ausstellungsmacher. Wahrscheinlich. An die Designer der Räume und Vitrinen. Vielleicht. An den Leiter des Umbaus von Klimaanlage und Sanitärbereich, von Datenübertragung und Eingangsbereich wird man sich nicht erinnern. Dabei ist die Eröffnung in erster Linie ihm zu danken. Man stelle sich die Meldung vor, sagen wir in der New York Times: "Weil der Umbau von Klimaanlage und Sanitärbereich nicht rechtzeitig fertig wurde, musste die Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin verschoben werden. 850 Gäste aus dem In- und Ausland, darunter der deutsche Bundeskanzler und der deutsche Bundespräsident, wurden wieder ausgeladen." Ein Lacher. Doch dazu wird es nicht kommen. Bülent Durmus hat die Ehre deutscher Konstruktions- und Handwerkskunst gerettet. Womöglich hat er sogar diplomatische Verwicklungen verhindert.

"Der Architekt Bülent Durmus, benannt nach dem türkischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit, hat die Stadt Berlin vor einer Blamage gerettet", könnte die New York Times jetzt texten. Nur leider kennt sie Herrn Durmus nicht und weiß auch nicht, dass er den Umbau eines Museums in der Rekordzeit von anderthalb Jahren managte. Eines Museums, das eher einer Skulptur als einem Gebäude ähnelt. Allein schon die Tatsache, einer Skulptur einen Sanitärbereich aufzuzwingen, lässt ahnen, was Bülent Durmus vollbracht hat.

Der Auftrag zu dieser Großtat im Verborgenen ereilte den Architekten Durmus im Mai 2000. Damals war endgültig klar geworden, dass der Libeskind-Bau, den schon als reine Hülle 200 000 Besucher im Jahr durchschritten, als Jüdisches Museum mit 3808 Ausstellungsobjekten ein Vielfaches an interessierten Menschen anziehen würde. Die überlebenswichtigen Anlagen und das interne Kabelnetz wurden allerdings nur für 100 000 Besucher im Jahr ausgelegt. Bülent Durmus suchte gerade wieder eine Beschäftigung, nachdem er sich längere Zeit um seine kleine Tochter und eine Stahlrohrkonstruktionsfirma gekümmert hatte. Mit dem neuen Auftrag kehrte er in ein Berliner Architekturbüro zurück, für das er nach dem Studium schon einmal gearbeitet hatte. Wegen der knappen Zeit wurde parallel geplant, ausgeschrieben und ausgeführt. Dabei war oberstes Gebot, die Libeskind-Architektur nicht zu verändern. Nicht eine geschwungene Wand einziehen, wo alles nur spitz und eckig ist. Und die architektonischen Leerstellen - offene Betonschächte, die für die Leere nach dem Holocaust stehen - auf keinen Fall anrühren.

Manchmal habe er schon geflucht, sagt Durmus, über den Zick-Zack-Bau, der für alle Bauvorhaben eine individuelle Lösung verlangt. Aber nur als Planer. Als Architekt findet er den "expressiven" Bau als Gegenentwurf zum Mainstream der Glas-Stahl-Beton-Kubisten sehr wichtig. Selbst würde er gerne Hochhäuser planen und bauen, alles selber konzipieren, vom städtebaulichen Entwurf bis zur Möblierung. Man wird sehen. Interessante Kontakte hat er schon geknüpft. Als ein amerikanischer Architekt aus dem Büro des berühmten Frank O. Gehry an die Tür des geschlossenen Hauses klopfte und abgewiesen wurde, kam er zufällig vorbei und lud zu einer kleinen Privatführung ein. Das Dankesschreiben des Meisters ließ nicht lange auf sich warten. Inzwischen sind die Umbauarbeiten fast abgeschlossen. Noch ein paar Feinjustierungen, weitere Tests, dann wird alles funktionieren am Sonntag, sagt Durmus. Schließlich hat er die Arbeiten ständig überwacht und selbst Hand angelegt. Nur zwei Wochen Urlaub im Februar ließen sich ohne schlechtes Gewissen freischaufeln.

Wenn alles vorbei ist, die Anlagen sich im laufenden Betrieb bewährt haben, dann wird er samt Familie "für ein paar Monate nach Asien verschwinden". Danach kommt eine neue Aufgabe, sicher wieder etwas ganz anderes. Bülent Durmus lebt und arbeitet in Schüben. Ist ein Projekt zu Ende gebracht, nabelt er sich vollständig ab, um mit Kopf und Herz ans nächste anzudocken. So sind die Menschen seiner Generation, sagt Durmus. In das Kontinuum des Lebens werden mutwillig Kerben geschlagen, Ecken geknickt und Leerstellen eingefügt. Womit wir wieder beim Libeskind-Bau angelangt wären.

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