Berlin : Jüdisches Museum: Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen

Elisabeth Binder

Die Eröffnung des Jüdischen Museums wird auch gesellschaftlich wohl das wichtigste Ereignis des Jahres sein. An diesem Wochenende versammeln sich die Spitzen der jüdischen Gesellschaft aus verschiedenen Ländern in Berlin. Vor allem aus den USA kommen zahlreiche bedeutende Publizisten und Funktionsträger. Neben Henry Kissinger und Richard Holbrooke werden zum Beispiel Henry A. Grunwald, der frühere Botschafter in Österreich, der heute als Publizist eine gewichtige Stimme hat, und Bill Bradley, ein demokratischer Anwärter auf das Präsidentenamt, erwartet. Außerdem Harold T.Shapiro, emeritierter Präsident von Princeton, Glen Tobias, Chairman der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Antidefamation League, der Unternehmer Ronald S. Lauder und der einflussreiche Kolumnist Mortimer Zuckerman. Dass es 850 VIPs auf einmal zu betreuen gibt, ist für die Organisatoren eine echte Herausforderung.

Diese mit Konzert und Gala begangene feierliche Eröffnung bedeutet für Berlin allerdings auch eine entscheidende Wegmarke im Zuge einer Entwicklung, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs an Rasanz gewonnen hat. Die Eröffnung des Centrum Judaicum in Anwesenheit des amerikanischen Präsidenten im Mai 1995, die Etablierung des American Jewish Committee im Februar 1998 und das Engagement der Lauder Foundation markieren Höhepunkte der 90er Jahre, welche die wachsende Vielfalt jüdischen Lebens in der Stadt spiegelten und vor allem endlich wieder eine Selbstverständlichkeit schufen.

Zu denen, die diese Entwicklung aktiv begleitet haben, zählt Joel Levy, der ehemalige amerikanische Gesandte in Berlin, der als Gründungsdirektor das Jüdische Lehrhaus in Prenzlauer Berg aufgebaut hat. Darin werden vielversprechende junge Juden ausgebildet, bevor sie ein akademisches Studium ihrer Wahl aufnehmen. Ziel ist es, Multiplikatoren heranzuziehen, die aufgrund ihres Wissens und vorbildhaften Lebens die jüdische Kultur wieder fest und selbstverständlich in der deutschen Gesellschaft verankern.

"Mit starken Gefühlen des Glücks" kommt er zusammen mit Frau Carol aus New York nach Berlin. Levy, der inzwischen die Leitung des New Yorker Zweigs der Antidefamation League übernommen hat, hat sich intensiv mit der Geschichte der Juden in Berlin befasst. Die Frage, ob Berlin wieder zu einem politischen und kulturellen Knotenpunkt werden kann wie vor 1933, hält er allerdings für falsch gestellt. "Wir sollten nicht versuchen, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Das wird einfach nicht passieren." Deutschland hat eine der größten und wichtigsten Jüdischen Gemeinden in Europa. "Ein immer bedeutsameres religiöses, kulturelles und intellektuelles jüdisches Leben wird in Berlin präsent sein", glaubt Levy. "Das Museum, das morgen eröffnet wird, handelt auch von der Vergangenheit, aber ist auf keinen Fall auf den Holocaust begrenzt." Er betrachtet es im Gegenteil als ein positives Statement für Deutschland "als ein Land, in dem Juden und Angehörige anderer Minoritäten eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben spielen können".

Natürlich war die Museumseröffnung auch in den USA ein Thema. Wichtige Organisationen sind nicht nur präsent bei der Eröffnung, sie alle blicken mit großer Aufmerksamkeit auf dieses Museum. Joel Levy ist überzeugt davon, dass viele in einem optimistischen Geist kommen und diesen Eröffnungstag als ein gutes Zeichen für die Zukunft Berlins empfinden.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass für viele Juden Berlin mit großen Schatten verbunden ist. "Es ist keine Frage, dass die Vergangenheit noch da ist", sagt Joel Levy. "Jeder, der zur Eröffnung kommt, wird natürlich daran denken." Aber gleichzeitig wird auch ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Tatsache, dass die Jüdische Gemeinde in Berlin in den letzten Jahren stetig gewachsen ist, dass immer mehr jüdische Organisationen Repräsentanzen in Berlin haben, zeigt, dass Vertrauen in eine bessere Zukunft da ist. Die kann eigentlich nur mehr Anlässe bringen, welche die herausragenden Gäste dieses Wochenendes wieder in die Stadt ziehen.

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