Berlin : Jürgen Cerwofsky (Geb. 1936)

Den Indianern an der Hudson-Bay brachte er das Jagdhornblasen bei.

Thomas Loy

Diese Postkarte mit Blumenbouquet aus dem Jahr 1991. Einmalig eindeutig.

Liebe Bärbel!, hat Jürgen geschrieben, und dann Ich liebe Dich, Ich liebe Dich, Ich liebe Dich … 60 Mal. Auf gerader Linie wandern die Wörter, in Dreierreihen untereinander, jeder Buchstabe sein Lied pfeifend, mit einem Zierkringel über jedem großen „D“. Und unten: Dein Jürgen.

Er war halt ein Guter und ein Froher, mit großen treuen Augen. Nach seiner Liebe zu Bärbel und ihrem gemeinsamen Sohn kam gleich seine Liebe zur Jagd, dahinter folgten das Jagdhornblasen, das Singen und das Handwerkern.

Am Dachstein in Österreich machten Jürgen und Bärbel Urlaub, als sie kaum erwachsen waren, in einer Hütte ohne Strom und Wasser, eine Reise mit der Kirchengemeinde. Weil Jürgen für den Bauern das Essen zur Hütte schleppte, durfte er mal sein Jagdgewehr nehmen und auf einen Bock anlegen, einen kapitalen. Jürgen traf, und es war um ihn geschehen.

Des Waidmanns Ursprung liegt entfernt / dem Paradiese nah / Da war kein Kaufmann, kein Soldat / kein Arzt, kein Pfaff, kein Advokat / doch Jäger waren da!

Dieses Lied gehörte zu seinem Repertoire. Wie auch „Zickenschulzes Hochzeit“ und das „Krumme-Lanke-Lied“. Mit dem „Horrido“ erreichten Jürgens Stimmorgane ihre volle Klangblüte. Wenn eine Jagdgesellschaft nach innerer Kräftigung sann, richteten sich die Blicke auf ihn: „Jürgen, sing mal!“

Er trug den Jägerhut mit Gamsbart, ein Schmuckband mit Wildschweinnadel und einen grünen Umhang zur Pirsch. Alles nach alter Väter Sitte, waidgerecht und sehr gesellig. Das Jagdhornblasen hatte er sich im Bett beigebracht, abends vor dem Einschlafen. Er wurde einer der besten Bläser in Berlin, trainierte die Jugend und freute sich, wenn die Mädchen in Tracht erschienen und nicht in Jeans.

Beim Jägerball und auf der Grünen Woche musizierte er solo. Lag ein Freund im Krankenbett, kam Jürgen vorbei und blies die trüben Gedanken fort. Auch vom Turm der Münchener Frauenkirche erschallte Jürgens Jagdhorn. Er hatte den Küster um Erlaubnis gefragt.

An der Ostsee lernte er Jäger kennen, in der Lüneburger Heide, in Bayern und Baden. Beim Grafen Bernadotte am Bodensee wurde er zum Jagen geladen. Einmal erfüllte er sich den Urtraum eines Jägers: Elchpirsch in Kanada. Den Indianern an der Hudson-Bay brachte er nebenbei das Jagdhornblasen bei.

Als Jürgen mal längere Zeit ins Krankenhaus musste, wegen seiner Hüften, nahm er sich einen Hirschkopf zum Präparieren mit. Die Tiere der deutschen Fluren bevölkern immer noch die Wohnung, ausgestopft, als Schädeltrophäe oder Holzschnitzerei, als Kinderzeichnung, auf Wandtellern, Trinkbechern, Kerzenhaltern oder Zierkissen. Die Hälfte der Instrumente, Andenken und Trophäen hat Bärbel schon weggegeben, die Waffen sind verkauft, weil das Gesetz es so will. Aus dem Sohn ist kein Jäger geworden.

Das Pirschen, Hegen und Blasen lieferte ausreichend Stoff für gesellige Abende. In Oberbayern war Jürgen mit einem Freund im Jeep unterwegs, um ein Revier zu erkunden, da fiel ihr Blick auf eine giftgrüne Wiese, die sich zur Abkürzung anbot, sie fuhren direkt drauf zu und – hinein in einen veralgten Weiher.

Nach seiner Pensionierung – Jürgen arbeitete als Architekt für die BfA – pachtete er zusammen mit Freunden eine Jagd in Linthe, südwestlich von Berlin. Er fütterte das Wild, unterrichtete den Bläsernachwuchs und erlöste überfahrene Tiere von ihren Schmerzen. Nachts schlief er in einem Wohnwagen.

Die Wildschweine sind auch in Linthe zur Plage geworden. Wenn die Bauern die Maisfelder abernten, warten die Jäger am Feldrand auf die flüchtenden Keiler.

Ein Schuss fällt, das Wildschwein ist getroffen, aber noch nicht tot. Es rennt auf den Schützen zu, bringt ihn zu Fall. Jürgen eilt herbei, um zu helfen. Das Tier greift auch ihn an, schlägt seine Hauer tief ins rechte Bein und durchtrennt die Schlagader.

An Jürgens Grab bliesen die Jagdhorn-Freunde die Signale „Jagd vorbei“ und „Großes Halali“. Thomas Loy

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