Berlin : Jürgen Helgenberg (Geb. 1931)

Er hat viel zustande gebracht. Dann ging er. Einfach so.

Tatjana Wulfert

Der atlantische Ozean. Das ägäische Meer. Sehnsuchtsorte. Gran Canaria. Die Türkei. Ferienparadiese, für einige Wochen. Früher einmal.

Jetzt: S-Bahnhof Grunewald. Fontanestraße. 30 Quadratmeter, ein Zimmer unterm Dach, kleine Küche, die Anrichte, am Fenster der Zeichentisch, Blick in den Garten, auf den Nussbaum. Kaum Besucher. Fernweh.

Jürgen Helgenberg ist begabt, war erfolgreich, jahrzehntelang, Atelierleiter der Eternit AG in Berlin. Eternit fertigt Dach- und Fassadenplatten, Pflanzgefäße. Jürgen Helgenberg entwarf vieles, gestaltete die Werbung. Aeternitas, die Ewigkeit.

An einem Morgen nach einer Feier bei Mitarbeitern in Rudow öffnete eine Kollegin die Bürotür: Jürgen sitzt auf seinem Schreibtischstuhl. Schläft, mit dem Kopf auf dem Tisch. Die Kollegin schließt die Tür, ein wenig zu laut, kramt raschelnd in Papieren, hustet. Jürgen schläft weiter. Verlegen berührt sie seinen Arm. Jürgen erwacht. Erhebt sich. Sagt: „Ich gehe jetzt.“ Und kehrt nicht mehr zurück an seine Arbeitsstelle.

Er ist einfach gegangen. In die 30 Quadratmeter unterm Dach. Der Ozean, das Meer, die Fernwehorte flimmern im letzten Jahr nur noch über den Fernsehschirm.

Warum? So viel, so viel Gutes hat Jürgen in seinem Leben zustande gebracht: Begann, als junger Mann, mit einer Tischlerlehre. Studierte an der Kunst-Hochschule in Weißensee, an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. War Meisterschüler für Angewandte Grafik, entwickelte nebenbei Muster für die Königlich-Preußische Porzellanmanufaktur. Offizielle Gäste der Stadt erhielten von ihm entworfene Erinnerungsstücke, Embleme mit dem Charlottenburger Schloss, Bildteller mit dem Brandenburger Tor. Im Mai 1967 schrieb die „Zeit“: „In der Berliner Galerie im Europa-Center findet augenblicklich eine Plakatausstellung statt. Die Plakate sind die Arbeit eines Teams, dem bereits sechsmal vom Bund der Gebrauchsgraphiker attestiert wurde, ein ,bestes Plakat des Jahres’ entworfen zu haben.“ Jürgen war einer aus dem Team. Auftraggeber war die Kirche, die Stadtmission. „Plakate für den lieben Gott“ stand über dem „Zeit“-Artikel.

Wie wirbt man für Gott? Nicht mit weißen Zähnen und weißer Wäsche, nicht mit rotwangigen Kindergesichtern und schlanken Frauen. Regelmäßig trafen sich die Grafiker mit Kirchenleuten, entwarfen, diskutierten, verwarfen. Die Themen: Tod, Gleichgültigkeit, Frieden, Angst, Umwelt. Einladungen zu den Bußtagsveranstaltungen im Kongresszentrum. Wie findet man passende, einprägsame Bilder für solche Themen? Die Idee: Man verbindet eine negative Aussage im Bild mit einer positiven Aussage im Text; zum Beispiel zwei gegeneinandergerichtete Fäuste und darunter die Worte „Seit Christi Geburt gibt man sich anders die Hand“.

Jürgens Entwürfe, wie etwa sein Osterplakat „Eier machen keine Ostern“ oder das Leierkastenplakat zum Jahresfest der Stadtmission haben sich eingeprägt. Die Leute schauten hin.

Und dann ließ er all das zurück, ging, einfach so. Warum? Nur vage Antworten gibt es. Das künstlerische Talent hatte er wohl von der tanzenden, singenden Mutter geerbt. Danach wurde es schwierig mit den Frauen. Gerda, Gabriele, Jutta. Sie kamen alle – und verschwanden wieder. Die Frauen mochten ihn. Das war es nicht. Er war charmant und aufmerksam. Hielt aber immer eine Distanz. Lebte er in einer anderen, für Frauen nicht erreichbaren Welt?

Die Welt, in der er leben musste, eine unvollständige. Die Welt, in der er leben wollte, voll Schönheit und Ästhetik, eine vergangene. Die zwanziger Jahre vielleicht. Eine Zeit, wie geschaffen für jemanden wie mich, dachte er. Eine papierene Zeit. Tatjana Wulfert

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