Berlin : Jürgen Labenski (Geb. 1940)

Ein Cineast, der für andere Cineasten die Sisyphosarbeit machte.

Barbara Bollwahn

Als Kind wurde er ins Kino abgeschoben. Er sollte seine älteren Brüder nicht vor ihren Abiturprüfungen stören. Sie drückten ihm ein paar Groschen in die Hand und schickten den Zehnjährigen ins Kino von Birkenwerder. Filme sollten auch sein späteres Leben bestimmen. Labenski wurde Filmjournalist und -historiker und ein Spezialist für Filmrekonstruktionen.

Von 1968 bis zu seiner Pensionierung 2005 hat er als Redakteur für die Spielfilmredaktion des ZDF an der Wiederherstellung ursprünglicher Fassungen von Filmklassikern gearbeitet, „Ben Hur“, „Tartüff“, „Panzerkreuzer Potemkin“. Unter seiner Leitung wurde in Archiven und Filminstituten auf der ganzen Welt nach unterschiedlichen Schnittfassungen und Filmteilen gefahndet. Die Ergebnisse der Sisyphosarbeit waren allerdings nur für ähnlich leidenschaftliche Cineasten zu erkennen wie er einer war. In einer rekonstruierten Fassung von „Im Westen nichts Neues“ sind beispielsweise Bilder von Rekruten zu sehen, die aus Angst vor einem Bombenangriff in die Hosen gemacht haben. In der Fassung von 1953 war die Einstellung gestrichen worden, um die „Soldatenehre“ zu wahren. Die ZDF-Reihe „Der phantastische Film“ hat Labenski ins Leben gerufen, ebenso die Sendung „Ratschlag für Kinogänger“, die älteste Kino- tipp-Sendung im deutschen Fernsehen.

Er pendelte zwischen seiner Geburtsstadt Wiesbaden und Berlin. Hier stieg er jahrelang im Hotel „Palace“, Budapester Straße ab, bis ihm einer seiner Neffen seine Wohnung in Wilmersdorf überließ. Dort und im Keller stapelten sich hunderte Film- und Videokassetten, Bücher, Filmplakate und Programmhefte.

Als Jürgen Labenski in Rente ging, wurde er Vorsitzender des „Verbandes der deutschen Kritiker e.V.“ und organisierte noch viele Veranstaltungen, zuletzt die Verleihung der Kritikerpreise 2007 in der Berliner Philharmonie.

Für die Kinder seines früh gestorbenen Bruders spielte er gern den fröhlichen Vaterersatz, der Anekdoten aus einer Zeit erzählte, als Kinos noch Lichtspieltheater hießen und von befreundeten Schauspielern wie Wolfgang Völz, Peter Ustinov oder Christopher Lee. Mit dem britischen Schauspieler, berühmt geworden als „Dracula“, ist er oft durch Schottland spaziert. Er konnte sich „wie ein Kullerkeks“ freuen, erinnert sich ein Neffe, wenn er beim Internationalen Filmfestival in Edinburgh war und ein längst geschlossenes Hotel extra für ihn öffnete.

Jürgen Labenski war ein sehr direkter Mensch. Wenn bei Vertragsverhandlungen jemand nicht mit offenen Karten spielte, schlug er schon mal mit der Faust auf den Tisch. Damit macht man sich nicht unbedingt Freunde, zumal beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo politische Abhängigkeiten eine große Rolle spielen. Als er für den Grimme-Preis vorgeschlagen werden sollte, gab es Kollegen, die das blockierten. Das hat ihn sehr enttäuscht. Umso mehr freute er sich, als ihm die Stadt Wiesbaden zum 30. Jubiläum des von ihm gegründeten Filmclubs „Leibniz“ den Kulturpreis verlieh.

Erst als er gestorben war, wurde bekannt, was manche längst vermutet hatten. Jürgen Labenski hatte einen Lebensgefährten. Was jedoch niemand ahnte: Er litt vor vielen Jahren schon einmal an Krebs. Als die Krankheit vor sechs Jahren wiederkam, hoffte Labenski auf ein zweites Happy End. An seinem 67. Geburtstag am 5. November sollte er aus dem Krankenhaus entlassen werden. Drei Tage davor starb er an einem Herzinfarkt. Begraben werden wollte er in Birkenwerder, an dem Ort, wo er die ersten Filme gesehen hat. Barbara Bollwahn

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