Berlin : Jürgen Orlich (Geb. 1938)

Sie nannten ihn "Doktor Jo", er war der Abfallpapst.

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Mit Anfang zwanzig fuhr er durch Afrika. Ein Abenteurer? Anrüchig war seine Fuhre schon. Sie bestand aus dem, was Menschen hinterlassen, wenn sie nicht den Dschungel oder die Wüste als Toilette benutzen wollen. Ein Wagen in einer Lkw-Kolonne, einer Leistungsschau der deutschen Industrie auf Rädern.

1963. Afrika hatte sich soeben für befreit und unabhängig erklärt, also wollte man den Neulingen staatlicher Souveränität zeigen, bei wem sie künftig einkaufen müssen. Denn jede Freiheit, jede Unabhängigkeit ist relativ. Es war ein beeindruckender Konvoi, fast ein Jahr lang war er unterwegs. Und Jürgen Orlichs Wagen war das Klo.

Die meinen mich!, hatte er sofort gedacht, als er die Annonce des Bundeswirtschaftsministeriums las. Ein „erfahrener Fahrer“ mit Kenntnis mehrerer Fremdsprachen wurde gesucht. Zwar besaß Jürgen Orlich keine Fahrerlaubnis und konnte höchstens Englisch, doch nur geringere Talente lassen sich von solchen Vorgaben abschrecken. Auf die Frage des Bundeswirtschaftsministeriums nach seinem Französisch antwortete er: „Mein Englisch ist besser!“

Ein typischer Orlich-Satz, sagt sein Sohn. Und als der Afrikaentschlossene, die soeben erworbene Fahrerlaubnis in der Tasche, seine Probefahrt beim Bundeswirtschaftsministerium absolvierte, meinte er, ein Lächeln auf den Gesichtern der Umstehenden zu erkennen. Doch sie nahmen ihn. Nur die etwas wertvollere Fracht wollte man ihm nicht anvertrauen.

Es wäre übertrieben zu sagen, Jürgen Orlich hätte damals schon gewusst, dass sie ihn nicht nur auf diesem Erdteil einmal anerkennend „Doktor Jo“ nennen würden. Und dass seine Zukunft im Zeichen dessen stehen würde, was er da unter der Sonne Afrikas durch Dschungel und Wüste fuhr – nennen wir es: Abfall.

Das Bekenntnis des Afrikafahrers lautete schon damals: Es gibt nichts, was ich nicht kann. Er wird sein Leben damit verbringen, diese These zu beweisen.

Bei wenigen Menschen steht so felsenfest, was aus ihnen werden soll, werden muss wie bei ihm, Jürgen Orlich, geboren in Kiel. Im Grunde stand es fest, seit sein Urgroßvater, ein Ingenieur, vom deutschen Kaiser persönlich zum Professor ernannt worden war. Sein Großvater war vor dem Krieg Rektor der Technischen Hochschule Charlottenburg. Die Oberaufsicht über die Orlichs aber führte, als Jürgen jung war, noch immer die Großmutter. Nie wäre es dem Enkel eingefallen, dem Beschluss der Großmutter Anna zu widersprechen, und einer lautete: Du wirst Ingenieur! Auch sein Vater war Ingenieur.

So studierte er Maschinenbau bei dem großen Eisenspezialisten Adolf Rose. Versteht Ihre Frau das?, fragte der Professor, als Jürgen Orlich ihm seine Dissertation „Beschreibung der Austenitisierungsvorgänge unlegierter und legierter Stähle bei induktiver Schnellerwärmung“ überreichte. Der Autor war nicht ganz sicher. Schreiben Sie es so, dass Ihre Frau es versteht!, sagte der Professor. Es hieß: Noch einmal!

Als der Afrikarückkehrer, bepackt mit Trommeln, Fellen und Fetischen aus dem Hamburger Freihafen getreten war, hatte sie dagestanden. Auch eine Orlich, aber eine vom feindlichen, abgespaltenen Zweig der Familie. Während Jürgen Orlichs Afrika-Tour hatte sich die große Wiedervereinigung der Familienzweige angebahnt.

Nicht schlecht, diese Orlichs, dachten beide. Sie umkreisten einander und warteten ab. Bis eines Tages eine Postanweisung über 20 Pfennig bei ihr eintraf, zu verwenden für den Erwerb einer Postkarte an ihn, von Orlich an Orlich. Wer heiratet, muss sich viel weniger Briefe schreiben, und denselben Namen hatten sie schon. Als Jürgen Orlich die Assistenzprofessur an der Technischen Universität bekam, schien der Augenblick angemessen.

Seine Untersuchung darüber, wie verschieden hocherhitzte Stahlsorten abkühlen, nach dem Schweißen etwa, hatte unzählige Experimente erfordert. Die Hälfte seiner Dissertation bestand aus Diagrammen. Diagramme beruhigten ihn. Sie versicherten ihm, dass das Buch der Natur in Zahlen geschrieben war. Alles ist messbar, also ist es beherrschbar, wenn nicht heute, dann morgen. Er maß auch den täglich zunehmenden Leibesumfang seiner Frau, bevor sie die Söhne Gert und Bernhard bekam.

Nach Ordnung der Dinge, an die er und seine Großmutter glaubten, hätte aus dem Assistenzprofessor Jürgen Orlich nun ein richtiger Professor werden müssen. Der Atlas zur Wärmebehandlung der Stähle steht noch heute in jeder größeren technischen Bibliothek. Zwei Bände davon sind sein Werk. Doch er bekam keine Professur, schon gar nicht in Berlin.

Vielleicht lag es auch daran, dass solche wie er die akademische Ordnung der Dinge gerade empfindlich gestört hatten, es lag in der Zeit – auch Jürgen Orlich hatte die alte Ordinarien-Universität mit abgeschafft. Wenn das Buch der Natur in Zahlen geschrieben ist, in welcher Sprache ist dann das Buch der Gesellschaft geschrieben? Lässt sie sich erhitzen wie Eisen? Und wie kühlt sie wieder ab? Manchmal wusste Jürgen Orlich fast nicht, was ihn mehr interessierte.

Auch er hatte Anteil an dem, was wir die „Hochschulreform“ nennen. Der TU-Reformpräsident Alexander Wittkowski schätzte den jungen Assistenzprofessor sehr und nannte ihn „mein Mann in Havanna“. Sollte heißen: fortschrittlich und zuverlässig. Ein Mann des Morgen mit allen Tugenden des Gestern.

Und so einer bekommt keinen Lehrstuhl? Schließlich wurde Jürgen Orlich Professor für zahnärztliche Werkstoffe in Frankfurt. Aber Frankfurt war nicht Berlin, und was kümmerten ihn Zahnfüllungen? Als 1974 das Bundesumweltamt in Berlin gegründet wurde, bewarb er sich sofort und hatte es fortan nicht länger mit Stahl zu tun, sondern mit Blech, genauer mit Dosen.

Vom Stahl zum Blech. Der neue Mitarbeiter einer bis dato nie gekannten Behörde nahm es nicht persönlich. Wenn Jürgen Orlich eine Aufgabe übernahm, dann schonte er weder sich noch andere. Und so erfand er das Dosenpfand. Und als sei das noch nicht Provokation genug, empfahl er Anfang der Achtziger, die Coca-Cola-Flasche zur Mehrwegflasche zu machen. Wo gibt es denn so was?, fragte nicht nur der Coca-Cola-Konzern.

Dass Deutschland seinen Müll exportiert, auch nach Afrika, empörte den Eisenspezialisten ohnehin. Wenn es schon nicht in seiner Macht stand, das zu verhindern – andere Länder beraten, wie man eine ordentliche Mülldeponie baut, konnte er schon. Doch bevor man in vielen Ländern der Erde im Tonfall der Ehrfurcht von „Doktor Jo“, dem Abfallpapst zu sprechen begann, bevor er zum unentbehrlichen Fachmann für alle wurde, die ein Müllproblem haben, besah er kritisch sein Haus, das Haus seiner Familie.

Es war ein recht großes Haus, und dennoch: Könnte man da nicht noch eins obendrauf bauen? Schon als Student hatte er genau gewusst, wozu Semesterferien da sind: Man braucht sie, um all das zu lernen, wozu sonst nie Zeit ist. Damals wurde er Schreiner, Modelltischler.

Ein nicht unwesentliches Merkmal der Moderne, wahrscheinlich das zentrale, ist die unaufhaltsam fortschreitende Arbeitsteilung. Sie setzt voraus, dass es niemanden stört, wenn er nicht alles kann. Jürgen Orlich störte das immer. Und wenn er sich nun vornahm, noch ein Haus auf sein Haus zu bauen, dann hieß das: Das kann ich allein!

Jürgen Orlich übernahm alle Gewerke, gemeinsam mit seiner Frau und den Söhnen ersetzte er eine ganze mittelalterliche Dombauhütte. 9000 Steine Sichtmauerwerk hat er verbaut, ohne fremde Hilfe, denn die eigene Familie ist nicht fremd und genau deshalb hatte sie auch nie eine Chance, nein zu sagen.

Als alles fertig war, zog es Jürgen Orlich wieder hinaus in die Welt, die wir noch immer „die Dritte“ nennen. Er machte sie zu seiner ersten, erstellte Machbarkeitsstudien für Mülldeponien, zuletzt in Vietnam und Indien. Er war nur für die Weihnachtstage 2009 zurückgekommen, als ihn seine Frau wegen wiederkehrender Übelkeiten zu ihrem Arzt schickte. Jürgen Orlich hatte noch nie einen Arzt gebraucht. Und dann war es Krebs. Drei Monate habe er noch, sagten die Mediziner. Sie kannten Jürgen Orlich nicht.

Noch im September des letzten Jahres hielt er ein zweiwöchiges Seminar zur Planung von Mülldeponien auf den Philippinen ab, und im Oktober stand er vorm Bundeskanzleramt, um gegen die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu demonstrieren. Er hatte die Reaktorbaustähle schon Anfang der Siebziger untersucht. Im Ernstfall würden sie nicht standhalten, das wusste er.

Die Bilder aus Fukushima hat er noch gesehen.

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