Jürgen Petukat : Den Alkohol kann man nicht besiegen, man kann ihn nur meiden

Viele winkten ab, wenn Jürgen Petukat, geboren 1944, mit dem Thema "Alkohol in der Arbeitswelt" im Betrieb vorstellig wurde. Umso blasser wurden sie, wenn er ihnen aufzeigte, wie ein Alkoholkranker seine inner- oder außerbetrieblichen "Nasszellen" organisiere.

Stephan Reisner

Ob kleiner Angestellter oder hoher Verwaltungsjurist – Jürgen Petukats Auftritte als Beauftragter für Suchtprävention bei der Gasag, als Ausbilder für Suchtgefährdetenhelfer und als Dozent in Führungskräfteschulungen hatten es in sich. Er strahlte Ruhe und Vertrauen aus und war mit allen Wassern gewaschen.

Zu Beginn seiner Seminare erzählte er immer eine Geschichte: Sie handelte von einem vierzehnjährigen Zimmermannssohn, der vom Vater das erste Bier in die Hand gedrückt bekam als Aufnahmeritual in die Welt der Erwachsenen. Er sprach von dem Irrtum, Alkohol gehöre zum Leben wie der Fußball zum Wochenende. Am Ende ließ er die Geschichte unsanft auf dem harten Toilettenboden einer Kneipe enden und fügte hinzu: „Die Geschichte, die Sie eben gehört haben, ist meine Geschichte.“

Jahrelang hatte er sich selbst getäuscht, lebte von einer Trinkgelegenheit zur nächsten. Der Alkohol, sein bester Freund. Er trank, um fit zu sein für das tägliche Arbeitspensum, gegen Ehe- und Berufsfrust. Der ewige Teufelskreis: die Sucht mit dem Suchtmittel bekämpfen.

Den Alkohol konnte er nicht besiegen, er konnte ihn nur meiden. Das wurde ihm klar, als ihn seine Frau vor die Wahl stellte: Alkohol oder Familie. Er rief eine Notrufnummer an. Tags darauf stellte Ordensschwester Hertha ihren großen schwarzen Schuh in die Wohnungstür. Dann sprach sie Jürgen Petukat frei von aller Schuld: „Gegen den Alkohol kämpfst du vergeblich“, sagte sie. „Wenn du die Kontrolle über dein Leben zurückgewinnen willst, musst du ihn lassen!“ Es half, Jürgen Petukat trank nie wieder.

Die genussvolle Seite des Alkohols hatte er bis auf den Flaschengrund kennengelernt. Auf die wahren Gründe, weshalb er getrunken hatte, kam er erst jetzt: ein verworrenes Gespinst aus Schuldgefühlen, mangelndem Selbstwertgefühl und privaten Problemen, die er seit der Jugend mit sich herumschleppte. Bei den Guttemplern, einer Selbsthilfeorganisation, fand er Hilfe und ein offenes Forum. Der Kampf gegen die Sucht wurde zu seiner zweiten Berufung. Er lernte die dunklen Mechanismen der Abhängigkeit kennen und verstand, was mit ihm selbst geschehen war. So sehr vertiefte er sich mit seiner Frau in das Thema, dass die Tochter eines Tages feststellte: „Ich glaube, ich muss anfangen zu trinken, damit ihr mich wieder wahrnehmt!“

Die Ehe stand auf tönernen Füßen. Mitte der achtziger Jahre trennte er sich endgültig von seiner Frau. Dass er die Trennung ohne Rückfall in den Alkohol überstand, bewies ihm, dass er sein Leben zurückgewonnen hatte. Als er sich in eine Gewerkschaftskollegin verliebte, verschwieg er seine Vergangenheit und seine Probleme nicht. Mit gleicher Offenheit begegnete er Freunden und Kollegen. Als die neue Schwiegermutter in spe zu Weihnachten ihren traditionellen Schokoladenkuchen auftischte, griff er beherzt zu: „Halt, da ist Rum drin!“, rief sie erschrocken. „Das macht mir nix!“, antwortete er. Er war sich seiner Abstinenz sicher.

Abstinent zu leben, war für ihn kein gesellschaftliches Hindernis. Er begegnete niemandem als dogmatischer Antialkoholiker, er hatte einfach zu sich selbst gefunden. Sein zweiter, sehr viel jüngerer Sohn beichtete lieber ihm als der Mutter sein erstes Kiffen.

In der Woche vor seinem Tod bereitete er einen Vortrag über Jugendalkoholismus vor. Das Thema erinnerte ihn an seine eigene Geschichte. Seine Frau wies ihn darauf hin, dass er keine Promotion zu verfertigen habe, doch sein Arbeitseifer stand seinem Perfektionismus in nichts nach. So vertieft in die Recherche, hielt er die Schmerzen im Rücken für Ischiasprobleme. Während des Vortrags wurden sie stärker. Ein Freund brachte ihn im Anschluss nach Hause, seine Frau rief die Feuerwehr. Im Krankenhaus kämpften die Ärzte vergeblich um sein Leben. Ein Aneurysma nahe am Herzen war geplatzt. Stephan Reisner

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