Berlin : Jugend forscht: Mit dem Zweitakter in den Orbit

Stefan Jacobs

Ganz spontan fangen drei 15-jährige Mädchen eine Diskussion über optisch aktive Kohlenstoff-Atome an. Ungewöhnlich? Nicht beim Landeswettbewerb von "Jugend forscht". Zwischen den Ständen im Siemens-Verwaltungsgebäude am Rohrdamm warten die Berliner Landessieger des Wettbewerbs und noch ganz andere Überraschungen.

Etwa das "Puls-Detonationswellen-Triebwerk" von Junis Abdel Hay. Im dunklen Anzug steht der 20-Jährige neben dem Ungetüm aus Stahlrohren, das wie die Auspuffanlage einer Harley aussieht, in die mehrere Gasleitungen münden. Leider kann der Erfinder sein Werk nicht vorführen, weil die Detonation mindestens die Nachbarstände in Schutt und Asche legen würde. Es gibt aber ein Foto von der Stichflamme, die laut dem Erfinder den Beginn der Öko-Raumfahrt markieren könnte: "Ein Flug in den Orbit ist bis jetzt eine riesige Spritverschwendung. Denn die Rakete wiegt hundert Tonnen - davon sind gerade mal zwei Tonnen Nutzlast." Der neue Antrieb funktioniert prinzipiell wie ein Zweitaktmotor, kommt aber ohne bewegliche und damit verschleißanfällige Teile aus. Dieser Gedanke gefällt auch dem Kultursenator: also Sonderpreis für Abdel Hay.

Jade-Yasmin Tänzler und Sonja Brose leben und forschen weniger gefährlich. "Klebstoff aus Schneckenschleim?" heißt ihre Arbeit. Das Fragezeichen muss vorerst bleiben, denn das Projekt der beiden 15-Jährigen vom Reinickendorfer Humboldt-Gymnasium ist noch in der Erprobung. Bisheriges Fazit: Uhu klebt besser als Schnecke. Und Schnecke klebt nur, solange die Spur frisch ist. "Wenn man was kleben will, muss man die Schnecke möglichst mehrmals über das Papier kriechen lassen. Danach muss man sie ganz schnell wegnehmen." Die 30 Versuchsschnecken leben seit September vergangenen Jahres in einem Terrarium. Wegen der Wettkampfvorbereitungen mussten sie auf ihren Winterschlaf verzichten, aber dafür bekommen sie jetzt täglich frischen Eisbergsalat und werden jede Woche gebadet, damit sie schön klebrig bleiben. "Als nächstes muss es uns gelingen, den Schleim flüssig zu halten und in eine Tube zu kriegen", sagen die Schneckenmütter. Die Arbeit erschien der Jury nicht preiswürdig.

Soviel Geduld hätte Helmar Dittrich überfordert. Der 20-Jährige hat schon mehrmals bei "Jugend forscht" mitgemacht und diesmal den ersten Preis in der Kategorie Technik gewonnen. Er hat einen Fernseher entwickelt, dessen Bild von einem einzigen elektronisch gesteuerten Laserstrahl erzeugt wird. Basis ist ein Motor, der mit sagenhaften 217 Umdrehungen pro Minute rotiert. Das entspricht auch ungefähr der Sprechgeschwindigkeit des Erfinders, der die Vorteile anpreist: beliebige Auflösung, Schärfe in jeder Entfernung und hohe Farbtiefe. Letzteres ist schwer nachprüfbar, weil das Bild momentan nur von einem grünen Laser erzeugt wird. Mit einem roten und einem blauen dazu wären alle Farben machbar, aber Laser sind teuer und Nachwuchsforscher (noch) nicht reich. Dittrich ist dennoch glücklich, "denn bis vor einer Woche hatte ich nur Oszilloskop-Bilder, an denen ich gesehen habe, dass es funktionieren müsste." Als endlich alles fertig war, habe er selbst über die guten Kontraste des Bildes gestaunt.

Neben dem Fernseher der Zukunft ist aufgeregtes Surren zu hören. Unter einem Schild mit der Aufschrift "Das Problem: Wo soll ich hin?" irrt ein Gefährt herum, das offensichtlich noch keine rechte Antwort auf diese Frage weiß. Erfinder Manuel Borchers (18) ist da schon weiter: "Mit dem Roboter kann man unbekannte Gelände kartografieren oder in eingestürzten Schächten nach Verschütteten suchen." Einem Besucher fällt eine weitere Anwendung ein: Man könne den Roboter einfach Staub saugen lassen - zumal er dank Infrarot-Sensoren nirgendwo aneckt.

Bei so viel Erfindergeist ist die Entscheidung über die Gewinner nicht leicht. Andererseits gibt es bei "Jugend forscht" keine Verlierer. Dafür aber sieben Kategorien, deren jeweilige Gewinner ihre Projekte im Mai beim Bundeswettbewerb in Chemnitz präsentieren dürfen. Gewonnen haben neben dem Laser-TV auch ein Notrufsystem für Hilfsbedürftige und eine Untersuchung darüber, wie sich die Love Parade auf den Großen Tiergarten auswirkt. Hinzu kommen mehr als zwanzig Sonderpreise, darunter auch der für das Puls-Detonationswellen-Triebwerk.

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