Berlin : Jugendamt griff nicht ein: Polizei fand verwahrlostes Baby

Zufällige Entdeckung bei Einsatz wegen Drogendelikts – Nachbarn hatten die Behörde schon vor Monaten alarmiert

Sigrid Kneist,Claudia Keller

Von Sigrid Kneist

und Claudia Keller

Nur durch Zufall wurde am Montagabend in Charlottenburg ein verwahrlostes und unterernährtes Baby bei einem Polizeieinsatz in der Wohnung seiner Mutter entdeckt. Für das Jugendamt Charlottenburg-Wilmersdorf sind die 20-jährige Mutter und das einjährige Kind keine Unbekannten: Nachbarn hatten sich im Frühjahr wiederholt an die Behörde gewandt. Das Amt sah damals aber keinen Anhaltspunkt für eine Verwahrlosung und deswegen keinen Grund zum Einschreiten.

Nach Auskunft des Jugendstadtrates Reinhard Naumann wurde die Mutter lediglich aufgefordert, „mit dem Amt zu kooperieren“ und Beratungsangebote wahrzunehmen. Dieser Aufforderung sei die Frau allerdings nicht nachgekommen. Warum dieses Verhalten der Mutter keine Konsequenzen nach sich zog, konnte Naumann gestern nicht sagen. Auch nicht, ob es eventuell Versäumnisse im Amt gegeben habe. Dies wolle er jetzt überprüfen.

Naumann selbst war im Frühjahr von einer Nachbarin der jungen Mutter angesprochen worden, die sich um das Kindeswohl sorgte. Daraufhin suchte das Jugendamt Kontakt zu der Frau, befand aber, dass das Kind in einem ordentlichen und dem Alter entsprechenden Zustand war. Diese Auskunft gab die Leiterin des Jugendamtes seinerzeit auch dem Tagesspiegel, der von der Nachbarin ebenfalls benachrichtigt worden war und dann beim Jugendamt nachgefragt hatte.

Die Nachbarin hatte sich vor allem deswegen Sorgen gemacht, weil das kleine Mädchen nie draußen im Kinderwagen zu sehen war. Sie wie auch andere Nachbarn in dem in die Jahre gekommenen Wohnkomplex am Spandauer Damm wunderten sich zudem darüber, dass sich immer wieder verschiedene Jugendliche in der Wohnung aufhielten. Der Polizeieinsatz am Montagabend hatte mit dem Kind und seiner Mutter nichts zu tun. Die Beamten hatten in der Wohnung einen wegen eines Drogendeliktes gesuchten Mann vermutet, diesen dort aber nicht angetroffen.

In welcher Beziehung der Gesuchte zur Mutter steht, konnte gestern Abend nicht mehr geklärt werden. Bei ihrem Einsatz waren die Polizisten auf das schreiende Kind und die Zustände in der Wohnung gestoßen. Sie verständigten den Bereitschaftsarzt, der Unterernährung und Verwahrlosung bei dem Mädchen feststellte. Das Baby wurde an diesem Tag ein Jahr alt. Mit dem Einverständnis der Mutter wurde das Kind dem Kindernotdienst übergeben und bleibt zunächst in Pflege. Der Mutter wurde geraten, sich an den Krisennotdienst zu wenden.

Vor zwei Jahren war im selben Bezirk ein Fall von Kindesvernachlässigung tragisch ausgegangen. Eine 21-jährige Frau hatte ihren zweijährigen Sohn über Wochen allein gelassen. Das Kind verdurstete qualvoll. Die Mutter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

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