10 Hours of Walking in NYC as a Woman : Wenn Pfeifen pervers wird

Seit wenigen Tagen kursiert im Internet ein Video, in dem eine Frau zehn Stunden durch Manhattan läuft und mit versteckter Kamera filmt, wie sie von Männern angesprochen wird. Darf man Frauen nicht mehr sagen, dass sie gut aussehen? Ein Kommentar von unserem Jugendblog.

Max Deibert
Shoshana Roberts gibt in ihrem Video an, 108 mal in zehn Stunden belästigt worden zu sein.
Shoshana Roberts gibt in ihrem Video an, 108 mal in zehn Stunden belästigt worden zu sein.Foto: screenshot tsp

Youtube schlägt mir ein populäres Video vor: „10 Hours of Walking in NYC as a Woman”, rund 16 Millionen Aufrufe. Klingt interessant, ich war noch nie in New York. .Eine attraktive junge Frau lässt sich von einer versteckten Kamera dabei filmen, wie sie mit Jeans und T-Shirt bekleidet durch Manhattan läuft. Die meisten Passanten sind freundlich und begrüßen sie mit „What´s up beautiful? Have a good day“ („Wie läuft´s meine Hübsche, hab´ einen schönen Tag!“) oder „How are you this morning“ („Wie geht es dir heute Morgen?“). Sie läuft unberührt weiter und reagiert auf keinen der Zurufe. Vereinzelte Männer folgen ihr ein Stück die Straße herunter und bieten Handynummern an. Ohne Erfolg. Das Video endet. Ein Schriftzug erscheint, der darauf hinweist, dass die Protagonistin in den letzten 10 Stunden über einhundertmal verbal belästigt worden ist und dass man der Organisation „Holloback“ spenden soll, um dem ein Ende zu setzen.

Die Spenden wandern in die Ausdehnung der Website und ihrer internationalen Kontakte, beispielsweise durch die Übersetzung in andere Sprachen. Die Website teilt ganz offen mit, sich als Hauptziel gesetzt zu haben, durch weltweite Diskreditierung des Täters im Netz der Belästigung junger Frauen auf der Straße ein Ende zu setzen. So eine Art Verurteilung ohne Gericht.

Darf man Frauen auf der Straße noch grüßen?

Viele kritisierten auf der „Holloback“ Website, dass sie keinen anderen Ausweg sahen, als die Taten zu filmen, weil die Polizei ihnen nicht helfen konnte, durfte oder wollte. Sexuelle Belästigungen jeglicher Art müssen verfolgt werden. Aber das ist Aufgabe der Justiz und nicht einer Website.  Zum anderen zeigt sie, dass das Internet eine Waffe sein kann, deren Nutzung jedoch wohl überlegt sein sollte. Wer wird in Zukunft noch junge Frauen auf der Straße grüßen?

Wer will sich überhaupt in die Nähe von jungen Frauen wagen, wenn man Gefahr läuft, im Internet als Perverser abgestempelt zu werden? In früheren Zeiten galt der Pfiff eines Bauarbeiters als keckes Lob an eine Passantin - Und wurde auch so verstanden! Was wirft das für ein Licht auf unsere Gesellschaft, wenn dieselben Typen zukünftig im Internet als perverser Abschaum verurteilt werden?

Ich bin ganz der Meinung, dass Dinge, wie körperliche Übergriffe, das Zeigen von Genitalien gegenüber jungen Frauen, oder Stalking härter (oder überhaupt) bestraft werden müssen. Dennoch heißt in meinem Lexikon nun mal Zwinkern „Na, du Hübsche“ und nicht „Ich disrespektiere dein Geschlecht und möchte dich belästigen“. Ich raste ja auch nicht aus, wenn Mädchen kichern, wenn ich an ihnen vorbei gehe. Okay, schlechtes Beispiel, das ist mir noch nicht passiert. Aber würde es passieren… Na ihr wisst schon.

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