Abitur : In Togo ist mir unser Luxus bewusst geworden

Pao Engelbrecht (20) unterrichtet Deutsch in Lomé, Togo. Wenn man die Perspektive wechselt, erscheinen ausgelassene Feste im Bierzelt mindestens so exotisch, wie ein Ritual zur Dämonenaustreibung.

Pao Engelbrecht
Pao Engelbrecht arbeitet seit seinem Abitur in Togo.
Pao Engelbrecht arbeitet seit seinem Abitur in Togo.Foto: privat

Wenn man in einem anderen Land ist, kann man nicht sofort alles verstehen. Aberglaube zum Beispiel. Ich weiß noch genau, wie eine Frau mir aus voller Überzeugung erklärte, dass Blitze die Menschen treffen, die etwas geklaut haben. So als Strafe. Auch wenn Aberglaube manchmal schwer nachzuvollziehen ist, sollte man ihn unbedingt ernst nehmen und respektieren. Im besten Fall kann man dadurch sogar einen neuen Blick auf die eigene Kultur und sich selber bekommen.

Auf Youtube gibt es einen sehr lustigen Dokumentarfilm „Das Fest des Huhnes“, in dem ein afrikanisches Kamerateam nach Oberösterreich reist, um „die Kultur und Lebensweise der Ureinwohner“ zu erforschen. Aus dieser analysierenden Perspektive erscheinen die ausgelassenen Feste der Österreicher im Bierzelt so exotisch wie ein Ritual zur Dämonenaustreibung in Westafrika.

Die Frage, was nach dem Abi kommt, kann eine echte Belastung werden, wenn man nicht genau weiß, wohin. Plötzlich will jeder wissen, was man vorhat, aber wie soll man sich bei so vielen Möglichkeiten festlegen? In Togo ist mir klar geworden, welch ein Luxus diese große Auswahl an Zukunftsplänen darstellt, insbesondere die Möglichkeit zu haben, auf der ganzen Welt zu reisen. Die Jugendlichen in Togo haben genauso Reiselust wie die in Deutschland, doch wenn sie an der Deutschen Botschaft ein Visum beantragen wollen, bekommen sie meistens keins. Dann werde ich gefragt, warum ich einfach zu ihnen kommen durfte, aber sie nicht nach Deutschland. Ich habe keine Antwort.

Umso glücklicher bin ich, die Möglichkeiten eines privilegierten Europäers genutzt zu haben. Neben den typischen Gründen, wie die Lust, etwas Neues kennen zu lernen, selbstständiger zu werden, sich sozial zu engagieren und nicht gleich an die Uni zu wollen, hatte ich einfach ein starkes Gefühl, dass dies der richtige Weg sein wird.

Jetzt sitze ich hier nach einem normalen Schultag, auf der Veranda meiner Gastfamilie, umgeben von meinen tobenden Gastgeschwistern und bin sehr dankbar, da zu sein, wo ich bin. Ich helfe, im Rahmen eines weltwaerts-Programms, an verschiedenen Schulen im Deutschunterricht. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie verbreitet und beliebt die deutsche Sprache in Westafrika ist. Bei vielen Schülern ist Deutsch ein absolutes Lieblingsfach, was meine Arbeit umso angenehmer macht.

Mir hat es auch geholfen, im Voraus möglichst wenige Erwartungen an Gastfamilie, Umgebung und Tätigkeit aufzubauen und mich stattdessen auf alles Neue vor Ort einzulassen. Einfach los fliegen, das Abenteuer auf sich zukommen lassen und Fehler nicht als Fehler sehen. Die passieren sowieso und man lernt daraus am meisten. Außerdem hat man dann etwas zu erzählen - die kleinen Fettnäpfchen sind im Nachhinein oft am lustigsten.

Eines meiner bisher schönsten und intensivsten Erlebnisse war eine Studienfahrt mit den Germanistik Studenten der Universität von Lomé. Dabei habe ich nicht nur einiges vom Land gesehen, sondern auch gute Freunde kennen gelernt.

Mit jedem Monat, der verstreicht, wird mir klarer, dass auch zwölf davon eigentlich nicht genug sind. Ich rate jedem, sich ruhig zu trauen, ein Jahr oder besser länger von zu Hause weg zu bleiben. Die häufigste Kritik an Freiwilligendiensten ist die mangelnde Effizienz, gerade wenn unerfahrene Abiturienten auf die weite Welt losgelassen werden. Je kürzer die Freiwilligen vor Ort sind, desto berechtigter ist dieser Einwand.

In meiner Gastfamilie habe ich sieben Geschwister, die streng genommen eigentlich Cousins und Cousinen sind, aber hier sagt man lieber Bruder und Schwester. Die Gastfreundschaft meiner Familie ist - wie so oft in Afrika – überwältigend.

Trotzdem bereitet mir die togoische Mentalität gelegentlich Probleme. Das gedankenlose Müll-auf-die-Straße-werfen und der raue Umgang mit Kindern versetzen mich regelmäßig in Erstaunen.

„In Afrika lernt man mit Fragezeichen zu leben“, so hat es der Journalist Bartholomäus Grill formuliert. Für mich ein beruhigender Satz, der mir klar gemacht hat, dass ich im Ausland nicht alles verstehen muss und trotzdem damit leben kann. Die Unterschiede in der Denkweise und in der Kultur machen das Ausland ja erst so interessant. Manchmal bringen sie mich zum Verzweifeln, oft zum Lachen und immer zum Nachdenken.

Mehr zu staatlich geförderten Freiwilligendiensten auf: weltwärts.de

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