Auslandsjahr : Bier und Fleiß: Wie man in Togo über Deutschland denkt

Pao Engelbrecht ist 19 Jahre alt und berichtet für unsere Serie "Weit weit weg" von seinem Freiwilligendienst in Togo. Diesmal zum Thema Klischees

Pao Engenbrecht
Pao Engelbrecht (19) berichtet von seinem Freiwilligendienst in Togo.
Pao Engelbrecht (19) berichtet von seinem Freiwilligendienst in Togo.Foto: privat

Es ist ein verbreitetes Phänomen, Afrika als Ganzes zu beschreiben. Als bei der Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland gegen Ghana spielte, waren aus Sicht des Kommentators halt mal „die Deutschen“ und mal „die Afrikaner“ am Ball – ist ja auch egal, wo die genau herkommen. Wahrscheinlich liegt es an der Künstlichkeit der geradlinigen Ländergrenzen, diesen Spuren des Kolonialismus auf der Weltkarte, denn hier wurde mir tatsächlich erklärt, Afrika sei doch eigentlich ein einziges, zusammenhängendes Land, das nur von Europäern geteilt wurde.

Wenn wir uns das Land Togo vorzustellen versuchen, werden wir deshalb meist an Bilder denken, die wir über den ganzen Kontinent im Kopf haben. Bilder von schönen Landschaften, beeindruckenden Tieren und hungernden Kindern zum Beispiel. „Die Leute hier leiden“. Diese Aussage habe ich in kurzer Zeit schon mehrmals aufgeschnappt, und sie entspricht wohl in vielerlei Hinsicht der Wahrheit: Togo gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Kindersterblichkeit ist hoch, und Menschenrechtsverletzungen wie Folter in Gefängnissen sind ein großes Problem. Trotzdem lässt die Unvollständigkeit und Einseitigkeit solcher Nachrichten ein verzerrtes Bild von Afrika entstehen. Oder wie Chimamanda Ngozi Adichie, eine bekannte nigerianische Schriftstellerin, formulierte:  „The problem with stereotypes is not that they are untrue, but that they are incomplete.“

Zumindest ein Klischee hat sich bestätigt.
Zumindest ein Klischee hat sich bestätigt.Foto: Pao Engelbrecht

Scheinbar wohlwollende Klischees wie jenes, dass Afrikaner „den Rhythmus im Blut“ hätten, sind nicht weniger diskriminierend als das Vorurteil, dass sie ihre Probleme nicht selber in den Griff bekommen. Denn romantisierte Ideen von den edlen Wilden sorgen für Distanz, und vor allem stellen sie „den Afrikaner“ auf eine niedrigere Stufe wie ein sorgloses, unselbstständiges Kind, auf das man immerzu aufpassen muss.

Ein stereotypes Bild hat sich mir allerdings stärker bestätigt, als ich es je erwartet hätte: Frauen und Kinder, die alles Mögliche auf dem Kopf transportieren. Nicht nur auf den Märkten sind die ausbalancierten Schüsseln, Stoffe und Kisten jeden Tag ein Teil des Straßenbildes.

Interessant war es für mich zu erfahren, was man in Togo über Deutschland denkt. Neben dem harmlosen Klischee, dass in meiner Heimat jeder gerne und immerzu Bier trinkt, gelten Deutsche als rassistisch. Ich habe schon von Togolesen gehört, die in Deutschland das Gefühl hatten, als Ausländer nicht gut behandelt worden zu sein.

Ansonsten könnte das Bild von Deutschland allerdings kaum rosiger sein: Reiche Menschen, die viel arbeiten und gute Produkte unter fairen Arbeitsbedingungen herstellen. „Fleißig“ kommt mir hier manchmal wie ein Synonym für „deutsch“ vor. Deutsche scheinen sogar so fleißig zu sein, dass man manchmal den Eindruck hat, sie hätten deshalb keine Zeit, sich schick anzuziehen...

Und unter den etwa 167 000 Togolesen, die Deutsch sprechen oder lernen, sagt man sich, dass man vor dem Sprechen viel essen muss, damit die harte Aussprache leichter über die Lippen geht.


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