Begegnung mit dem Tod : Der Türöffner

Nicht der Anblick, sondern die kühle Haut ließ ein unwohles Gefühl zurück. Die junge Rettungssanitäterin Flavia erzählt von ihrer ersten Begegnung mit dem Tod.

Flavia Vilkama
Irgendwann ist Schluss.
Irgendwann ist Schluss.Foto: picture-alliance / ZB

Das einzige, das am Einsatzort lebendig erschien, war die Wohnung selbst. Das Radio lief, der Küchentisch war gedeckt und die ungeöffnete Post daneben machte den Anschein, als würde die Frau gleich im Bademantel aus einem der Zimmer kommen und sich wundern, warum Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr bei Ihr versammelt waren. Der eiskalte Kaffee und das Datum auf der Zeitung ließen jedoch erahnen, dass das Frühstück schon eine Weile her gewesen sein musste.

Ich schwitzte unter meiner dicken Einsatzjacke, den Einweghandschuhen und dem Gewicht des Rettungsrucksacks. Die neugierigen Blicke der Nachbarn hielten sich in Grenzen.

"The Walking Dead" hat Spuren hinterlassen

Als ich im Rettungsdienst mit meinen Kollegen von der Wache aufbrach, wurde uns mitgeteilt, dass die Patientin seit zwei Tagen weder ans Telefon gegangen, noch außerhalb des Hauses gesehen worden sei. Der überquellende Briefkasten ließ nichts Gutes erahnen. Dorthin geht der erste Blick, wurde mir gesagt.  Ich hatte Sorge, wie schlimm es wohl in der Wohnung riechen würde. Man will nicht der Praktikant sein, der am Einsatzort kotzt. Die Feuerwehr hatte das Schloss der Eingangstür aufgebohrt und nach kurzer Zeit wurde uns und den Beamten der Kriminalpolizei der Weg in die Wohnung freigemacht. Es war zwar etwas muffig, aber es roch nicht nach Verwesung. Das beruhigte mich. Wir teilten uns auf.

Ich stieß zu meinen Kollegen hinzustieß, hatten sie die Frau bereits gefunden. Sie lebte nicht mehr. Dadurch, dass sie auf Kacheln lag und das Fenster geöffnet war, stank es nicht, sie lag mit dem Kopf nach unten. Vorsichtig lugte ich in das kleine Badezimmer. Ich hatte noch nie einen toten Menschen gesehen, aber es passte ziemlich gut dazu, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wie eine große Puppe lag sie starr auf dem Boden, die Haut ganz weiß.

Ich merkte wie ich sie lange Zeit anschaute, um zu überprüfen, ob sie nicht vielleicht doch anfangen würde, sich zu bewegen. Die Serie „The Walking Dead“ hatte anscheinend Spuren hinterlassen. Ich half, die Frau auf den Rücken zu drehen, und meine Kollegin zeigte mir die Totenflecken, die sich wie großflächige blaue Flecken auf Beinen und Bauch gebildet hatten. Mich ergriff jedoch nicht der Anblick des zerknautschten, violetten Gesichts, sondern die eisige Temperatur der Haut.

Keine Leiche

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ein Körper so kalt und starr werden konnte, und ich verstand, warum Menschen schon vor Tausenden von Jahren das Konzept des Himmels entwickelten. Es scheint einfach absurd, dass sich die gesamte Energie, die den Organismus eines Menschen antreibt, einfach nicht mehr existiert. Auch die Vorstellung, nach dem Tod auf Wolken zu spazieren oder Nangijala unsicher zu machen, wie die Brüder Löwenherz in dem gleichnamigen Roman von Astrid Lindgren, kann ich nachvollziehen.

Doch trotz dieser rationalen Erkenntnis, benutze ich nie das Wort „Leiche“, wenn ich von diesem Einsatz erzähle. Leichen fischt man aus Flüssen, oder findet sie im Gebüsch, an einem dunklen und unpersönlichen Ort, nicht zu Hause zwischen Familienfotos und Geburtstagskarten. Damals war es mir unangenehm, einfach in diesen individuellen Moment der Nicht-Existenz hereinzuplatzen und ungefragt in der Wohnung herumzuspazieren. Die Frau war nicht sehr alt gewesen, vielleicht Mitte siebzig, und ich hatte das Gefühl, dass es noch nicht Ihre Zeit gewesen war zu gehen. Ich bekam an diesem Tag Einblick in einen unglaublich intimen und privaten Teil eines Lebens, welches keines mehr war. Jedenfalls nicht mehr hier bei uns.

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