Berlinkolumne : „Frag den Jungen doch erstmal wie es ihm geht, du Pfeife!"

Plötzlich lag Schreiberling-Autor Max Deibert auf der Straße. Sein erster Rollerunfall. Die Touristen, die den Unfall miterlebten, werden sich an pöbelnde Grobiane und unmotivierte Polizisten erinnern. Max hingegen fühlt sich geborgen in Berlin.

Max Deibert
Ja, er lebt noch. Schreiberling-Autor Max Deibert hat die Audifahrer überlebt. Foto: privat
Ja, er lebt noch. Schreiberling-Autor Max Deibert hat die Audifahrer überlebt.Foto: privat

Adrenalin ist ein Botenstoff, mit dem ich selten in Berührung komme. Ich betreibe keinen Wettkampfsport, Schlägereien meide ich nach Möglichkeit, von Videos wo Leute Fallschirm springen werde ich nervös und der Reiz von Bungee-Jumping wird sich mir in diesem Leben wohl nicht mehr erschließen. Umso irritierender wirkte das Gefühl in meinen Knochen, als ich zitternd auf dem Boden neben meinem Motorroller lag, der noch immer stotternde Geräusche von sich gab. Ich hatte gerade meinen ersten Rollerunfall. Aber wo waren die Explosionen, die weinende Megan Fox, die sich an meinen Körper klammert und versucht, mich durch Zungenküsse ins Leben zurück zu holen?

Stattdessen hörte ich gedämpfte Stimmen, die „Scheiße“ und „Alter was war dit denn“ murmeln. Es hatte am Morgen geregnet und durch ein plötzlich es Bremsmanöver meines Vordermanns war ich ebenfalls gezwungen in die Eisen zu gehen, was meinen Roller ins Schleudern und uns beide schließlich zu Boden brachte. Es folgte eine drei Meter lange Rutschpartie, die im Heck des Audi A6 vor mir endete. Kennzeichen aus SDL, ein Ehepaar mittleren Alters sitzt vorne. Als er den Aufprall hört, stürzt der Mann aus der Fahrertür, macht einen vorsichtigen Schritt über meine Beine und begutachtet den Schaden an seinem Gefährt. Ich schüttele mich und murmele „Sorry, bin ausgerutscht“. Er sieht mich kurz an und wendet sich dann wieder seinem Auto zu: „Die Schrammen hier, das war dein Moped, oder?“

Plötzlich ertönt Geschrei vom Gehweg, eine bärtige Gestalt mit Sonntagseinkäufen in den Händen brüllt: „Frag den Jungen doch erstmal wie es ihm geht, du Pfeife! Er hatte gerade einen Unfall, verdammt!“ Ich rappele mich auf, untersuche meine Linke Seite auf der ich gelandet bin. Alles okay, nur ein paar blutende Schrammen. Der Mann schreit weiter: „Alles klar Junge, ich hab gesehen wie du gebremst hast.“ An den SDL-Bewohner gewandt: „Hilf ihm von der Straße, er soll sich hinsetzen!“ Mein Gegenüber zuckt zusammen und macht ein paar nervöse Schritte auf mich zu. Ich ignoriere ihn, hieve meinen Roller hoch und schiebe mein Schätzchen an den Straßenrand. Die Schimpforgie ist verstummt. In der folgenden halben Stunde warte ich mit dem Paar, das ihre Tochter in Berlin besucht, auf die Ankunft der Polizei. Die Beiden begutachten mich nervös aus Angst, ich könnte ohnmächtig zu Boden sinken und der bärtige Berliner würde mich dann rächen. Sie bieten mir sogar das exklusive Audi A6-Erste-Hilfe-Kit an. Es enthält nicht einmal Desinfektionsspray, ich lasse mir zwei Taschentücher reichen.

Die Polizisten zeigen wenig Interesse für den minimalen Lackschaden am Auto, sondern klopfen mir auf die Schulter und helfen dabei meinen Außenspiegel und Blinker gerade zu rücken. Ich bin mir sicher, meine Bekanntschaft aus SDL wird sich, wenn sie an ihren Berlin-Besuch denken, an pöbelnde Grobiane und unmotivierte Polizisten erinnern. Ich hingegen fühlte mich geborgen in einer Stadt, deren Sprache nicht immer herzlich oder gar besorgt klingt, es im Grunde aber ist.

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