Bundesligakolumne : Vorne Hui, hinten Pfui

Dank Leverkusens Offensiv-Stärke fallen Probleme in der Defensive weniger auf. Am vergangenen Wochenende hat sich das ausgezahlt - und auch gegen den FC Bayern könnte diese Taktik funktionieren.

David Fresen
Einfach draufhalten. Das ist der Tipp unseres Bundesligakolumnisten David Fresen.
Einfach draufhalten. Das ist der Tipp unseres Bundesligakolumnisten David Fresen.Foto: dpa

Im rheinischen Derby gegen den 1. FC Köln (Die Stadien von Köln und Leverkusen liegen nur knapp 15 Kilometer auseinander) setzte sich Bayer mit 5:1 durch - fünf Mal so viele Schüsse und fünf Mal so viele Tore. Dabei sah es am Anfang noch ganz anders aus. Schon in der vierten Minute foulte Schlussmann Leno den Kölner Lehmann und bekam dafür die Gelbe Karte und beim fälligen Elfmeter gleich noch ein Gegentor obendrein. Nur gut zehn Minuten später kam wieder ein Kölner auf Leno zu, der versuchte unbeholfen zu klären, der Spieler flog über ihn und der Pfiff – blieb aus. Obwohl dieser Elfmeter fast noch klarer war als der erste, entschied sich Schiri Thorsten Kinhöfer gegen einen Strafstoß und damit die wahrscheinliche Spielentscheidung.

Da der Elfer aber nicht gegeben wurde, konzentrierte sich die Werkself wieder ganz auf ihre Qualitäten – und schoss in der 26. Minute mit der ersten wirklichen Chance ein Tor. Den Freistoß von Hakan Çalhanoğlu ließ der Kölner Torwart abprallen, Bellarabi staubte ab. In der 61. Minute zirkelte Çalhanoğlu einen weiteren Freistoß direkt ins Tor. Danach konnte sich noch Stürmer Josip Drmić auszeichnen. Mit einem Doppelpack und einem Assist innerhalb einer Halbzeit war er der Gewinner des Spiels, auch wenn sein Kollege Bellarabi mit einem Doppelpack nicht weniger gut dabei war.

Leverkusens Offensive kompensiert die schwache Verteidigung

Köln dagegen spielte die meiste Zeit mit einer destruktiven Fünferkette, kam am Ende nur auf 37 Prozent Ballbesitz. Bayer-Trainer Schmidt sagte in einem Interview, wenn er so spielen würde, wie Köln, dann wäre er kein Trainer mehr und beschuldigte die Kölner Mannschaft, nicht Fußball spielen zu wollen. Die Bild-Zeitung machte daraus die Schlagzeile: „Die neue Trainer-Feindschaft der Bundesliga“ und titulierte das ganze einen „Arroganz-Anfall“. Vielleicht meinte Schmidt jedoch etwas anderes, denn er kann nur offensiv spielen, da ein defensives System, wie bei Köln, in Leverkusen aus Personalgründen nicht funktionieren würde. Der Trainer täuscht also über seine unsichere Defensive hinweg, indem er offensiv spielt, somit den Gegner beschäftigt und Tore schießt.

Auf den Außenverteidiger-Positionen gibt es Mittelmaß im Übermaß, aber eine vernünftige, stabile Lösung gibt es bisher nicht. Auch das Defensiv-Talent Tin Jedvaj schaffte das trotz ansehnlicher Leistungen bisher noch nicht, da er oft ungestüm, impulsiv und unüberlegt handelte und dadurch die Innenverteidiger manchmal auch noch einen Teil seiner Aufgaben erledigen mussten. Diese waren aber so schon überfordert. Emir Spahic strahlt zwar hinten mit seiner Erfahrung Ruhe aus, doch seine Geschwindigkeit hält sich auch in Grenzen und seine Gelassenheit wechselt manchmal schlagartig zu Ausbrüchen von Aggressionen. So hat er in dieser Saison schon fünf gelbe Karten und eine gelb-rote Karte bekommen. Bei Fifa 15 hat er bei Aggression einen Wert von 90, das haben aus der Bundesliga nur zwei weitere Spieler. Einer davon ist auch ein Leverkusener, zumindest auf bestimmte Zeit. Der von Schalke ausgeliehene Papadopoulos, seines Zeichens auch ein Innenverteidiger, kam in dieser Saison erst sparsam zum Zug, dabei war er vor wenigen Jahren noch das Innenverteidiger Talent Nummer eins in der Bundesliga. Doch mit schwachen Leistungen machte er sich seine große Zukunft kaputt und stellt damit im Moment auch keine Unterstützung für die Werkself dar. Auch die anderen Defensivspieler spielen meist eher unsicher und sind in ihren Möglichkeiten begrenzt.

Ganz im Gegensatz dazu steht das ungeheure Offensiv-Potenzial, das Bayer Leverkusen besitzt. Mit Bellarabi und Son hat Bayer eine Flügelzange, die in ihrer Dynamik und Torgefährlichkeit an Ribery und Robben erinnern. Dazu kommen mit Kießling und Drmić zwei aufopfernde Stürmer, die, trotz unterschiedlicher Spielstile, beidem abschlussstark sind. Das ganze wird unterstützt von der Doppelsechs, bestehend aus Lars Bender und Gonzalo Castro, die zusammen gut harmonieren.

Und dann wäre da ja noch Hakan Çalhanoğlu, Roger Schmidts Liebling und einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Bundesliga.



Wie Leverkusen gegen Bayern gewinnen könnte

Nächste Woche geht es für Bayer dann zu den Bayern. Es wird interessant zu sehen sein, wie Roger Schmidt seine Mannschaft ausrichtet und ob er sein Spielsystem anpasst. Die wahrscheinliche Variante: Er wird versuchen, die offensive Spielweise beizubehalten, sich aber defensiv besser abzusichern. Die Außenverteidiger werden wahrscheinlich eher die defensiveren Sebastian Boenisch und Donati oder Jedvaj sein.

Der Schlüssel zum Erfolg kann bei den Bayern im Moment nur sein, sie in ihrem Aufbauspiel zu stören. Wenn man die beiden Innenverteidiger und Xabi Alonso effektiv aus dem Spiel nehmen kann, hat man schon viel gewonnen. Darum sollte Kießling aufgestellt werden. Auch wenn er im Moment nicht so treffsicher ist, kann er durch seine unermüdlich Laufbereitschaft und seinen unbedingten Willen, jedem Ball hinterherzulaufen, Schwachstellen in der Abwehr von München aufdecken.

Am Samstag gegen Berlin sah man nämlich, dass das Offensivfeuerwerk der Bayern oft nur von den Defensivfehlern ablenkt. Vor allem Dante ist nicht mehr auf seinem alten Niveau. Die Außenverteidiger spielen oft sehr offensiv, vor allem, wenn sie als Außenspieler vor oder in einer Dreierkette eingesetzt werden. Hier muss Bayer mit den schnellen Bellarabi und Son ansetzen. Über die Außen können dann entweder Flanken zum kopfballstarken Kießling oder Pässe in den Rückraum zum schussstarken Çalhanoğlu gebracht werden.

Ansonsten kann Bayer nur hoffen. Hoffen darauf, dass Neuer vielleicht mal einen schlechten Tag hat oder einer seiner Ausflüge schief geht. Hoffen auf einen Freistoß von Çalhanoğlu. Hoffen auf Geistesblitze von Bellarabi und Co. und darauf, dass ihre Schüsse ins Tor gelangen. Treu nach dem Motto: Einfach immer schießen, schießen, schießen, dann wird das schon klappen.

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