Die erste Anti-Social-App : Modern Stalking

Da läuft man nichts ahnend durch die Stadt und trifft plötzlich entfernte Bekannte, mit denen man absolut keinen Small-Talk führen will. Mit einer App kann man Facebook-Freunde im echten Leben umgehen. Doch ist das wünschenswert?

Max Deibert
Unsichtbar. Unser Jugendblog-Autor Max Deibert, 19, möchte sich lieber verstecken - und schaltet die GPS-Funktion seines Telefons aus. Foto: Max Deibert
Unsichtbar. Unser Jugendblog-Autor Max Deibert, 19, möchte sich lieber verstecken - und schaltet die GPS-Funktion seines Telefons...Foto: Max Deibert

Das Leben mit Sozialen Medien ist nicht immer leicht. Da ist man „befreundet“ mit Leuten, die man eigentlich kaum kennt. Und nicht genug, dass ihre Status-Meldungen einem die Pinnwand vollspammen, womöglich läuft man nichts ahnend durch die Stadt und trifft plötzlich einen von den falschen Freunden. Die Folge: unerwünschter Small-Talk, Fortsetzung des Social-Media-Daseins im richtigen Leben. Damit soll nun Schluss sei. Die App „Cloak – Social Sense“ soll vor unliebsamen Begegnungen warnen. Aber klappt das wirklich? Ein Praxistest.
Derzeit ist die App als kostenloser Download ausschließlich für das iPhone verfügbar. Man kann seine Kontakte von sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter synchronisieren und sich warnen lassen, wenn bestimmte Personen in der Nähe sind. Wer beispielsweise mit seiner Ex-Freundin bei Facebook befreundet ist, kann sie mit der App „flaggen“, sprich: sie auf eine Liste der Kontakte setzen, vor denen man gewarnt werden möchte, falls sie in der Nähe sind. Das funktioniert aber nur unter der Bedingung, dass man selber und die Ex das GPS eingeschaltet hat. Und natürlich nur, wenn die andere Person auch in einem der Sozialen Netzwerke angemeldet ist.

Wir machen uns selbst anfällig für digitale Überwachung

Zunächst einmal bestimmt die App sehr zuverlässig den eigenen Standort, aber die beiden Testhandys zehn Meter entfernt blieben schon mal unentdeckt. Warum das so ist, kann auf die Schnelle jedenfalls nicht ermittelt werden. Wenn man aber angezeigt bekommt, wie man Leute meidet, kann man genauso gut auch Leute stalken. Irgendwie gruselig.

Denn: Ist es wirklich wünschenswert, dass diese App einwandfrei funktioniert? Die genaue Bestimmung des Standortes von Personen im Umkreis von bis zu zwei Meilen öffnet ein ganz neues Kapitel für Stalker, Einbrecher – weil man weiß, wann die Wohnung leer ist – oder andere Missetäter. Die ausspionierte Person hat keine Chance, sich dagegen zu wehren, außer das GPS des Telefons auszuschalten oder sich von sozialen Netzwerken fernzuhalten.

Diese App führt einem vor Augen, wie weit wir uns selbst für Überwachung benutzen lassen. Wie viele Leute haben ihre Standortfunktionen bei Facebook angestellt, wenn sie etwas posten und daneben steht „In der Nähe von...“ Die Facebook-Angaben sind ungenau, GPS-Daten jedoch können Personen exakt orten.
Auf den ersten Blick könnte diese App dafür sorgen, dass wir unser Leben komfortabler gestalten. Der Gedanke, nicht auf seine Ex-Freundin zu stoßen, während sie auf einer Parkbank ihrem Lacrosse-Spieler-Freund die Zunge in den Hals steckt, klingt verlockend. Es beraubt uns aber auch des Zwanges, unsere Komfortzone zu verlassen und …. zu leben! Es gibt keinen Alltag ohne Enttäuschungen, Fehler und Peinlichkeiten. All das formt unser Leben und macht uns zu dem, was wir sind. Oder ist es genau umgekehrt? Machen die modernen Errungenschaften der Technik uns zu dem, was wir sind?
Etwas Gutes haben Apps wie „Cloak“ auf jeden Fall: Sie bringen uns dazu darüber nachzudenken, welche Daten wir im Internet preisgeben wollen. Und am Ende sind wir vielleicht ganz froh, dass sie (zumindest noch) nicht ganz einwandfrei funktionieren.

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