Fahrradkino : "Sei dir den Folgen deines Konsums bewusst"

In einem Kinosaal strampeln zehn Besucher auf Standfahrrädern um die Wette. Das Schweißtreiben hat einen Grund: Ohne ihre Arbeit, läuft hier gar nichts.

Henrik Hölzer
Unser Autor Henrik Hölzer sorgte mit den anderen Kinobesuchern dafür, dass der Film lief.
Unser Autor Henrik Hölzer sorgte mit den anderen Kinobesuchern dafür, dass der Film lief.Foto: privat

Die ufaFabrik hat diese Thematik aufgegriffen - ein Fahrradkino. Die Idee entstand bereits 2012. Dem Konzept folgten Veranstaltungen. Für Sigrid Niemer, die Mitbegründerin der ufaFabrik, ist die mittlerweile dritte Vorführung „nicht nur eine Veranstaltung, sondern vielmehr ein Vision, ein Konzept. Wir wollen auf nachhaltige Themen aufmerksam machen," sagt sie. "Die Zuschauer sollten bewusst zu Hause auf ihren Abfälle gucken“. Knapp 240 Besucher sind an diesem Abend im Theatersaal. Auf der Bühne liegen zahlreiche Plastikabfälle. Im Foyer präsentiert die Künstlerin Carol Santos ihre handgemachten Upcycling Designprodukte, direkt neben einem Aktionsstand „Berlin tüt was“.

Die Vorführung wird zu hundert Prozent mit selbst produziertem Strom gezeigt. Auf zehn Fahrrädern müssen die Zuschauer dafür kräftig in die Pedalen treten. Das Surren der von den Fahrrädern angetrieben Generatoren ist omnipräsent. Ist ein Radler durchgeschwitzt und erschöpft, hebt er seine Hand oder läutet die Fahrradklingel. Unverzüglich nimmt ein anderer aus der „Radler Warteschleife“ seinen Platz ein. Das oberste Ziel ist es, den Beamer und so den Film am Laufen zu halten. Damit das auch funktioniert, überwacht der technische Leiter Werner Wiartalla die Radlergruppe. „Mit der Zeit ist die Technik wirkungsvoller geworden.“, erzählt er. „Anfangs versorgten Riemen, aufgezogen auf den Hinterreifen und einen Generator, den Saal mit Strom. Damals konnte man den Film vor lauter Lärm kaum verstehen.“ Dieses Jahr ist eine neue Technik  für die benötigten 500 Watt im Einsatz. Am Hinterrad wird ähnlich wie bei einem Dynamo die Energie umgewandelt. In Zukunft sollen die Räder noch effizienter werden und mithilfe eines Magneten Strom induzieren.

Globale Themen betreffen uns alle, egal wo wir wohnen

Der Film begann zunächst erstmal holprig. Die Pufferbatterie, die kurze Zeitspannen ohne Fahrradstrom überbrücken kann, hatte nicht mehr genügen Energie. Nach ein paar kräftigen Tritten funktioniert sie aber wieder. In den thematischen Wendenpunkten der Dokumentation hat das Team mit rbb Moderator Daniel Gäsche kurze Pausen eingebaut, um Experten zu den jeweiligen inhaltlichen Themen zu Wort kommen zu lassen. Und ein paar Hintergrundfakten und persönliche Einblicke zu zeigen.

Gezeigt wird der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm „Trashed – No Place For Waste“. Der Oscarpreisträger Jeremy Irons begibt sich hierbei weltweit auf die Suche nach den Folgen unserer extremen Müllerzeugung und besonders dem Umgang mit Plastik. Auf eine erschreckende Weise wird verdeutlicht, wie Plastik unsere Weltmeere verschmutzt, Mülldeponien an ehemaligen Stränden zu riesigen toxischen Bergen wachsen und die Menschen verschiedenster Regionen der Welt schon heute massive gesundheitliche Einschränkungen erleiden. Irons Gespräche mit Wissenschaftlern, Politikern und Anwohnern von Island bis nach Indonesien zeichnen ein globales Panorama der aktuellen Gefahrensituation, aber auch inspirierende, alternative Ansätze mit dem Problem umzugehen.

Die Aufführung endet mit tosendem Applaus. Ich selber spüre eine innere Zufriedenheit, selbst mitgeholfen und Strom erzeugt zu haben. Gleichzeitig bin ich nachdenklich gestimmt, was meinen Umgang mit Plastikmüll anbelangt. Der Abend hatte eine eindeutige Botschaft: „Sei dir den Folgen deines Konsums bewusst!“. Auf dem Weg nach draußen verrät mir die Initiatorin Kora Rösler ihre Vision für die Zukunft ihres Fahrradkinos -mit drei mobilen Rädern auf Tour gehen und auch in entlegenen Orten wie der Wüste Filme zu sozialkritischen und nachhaltigen Themen zeigen, das wünscht sie sich. Ich drücke die Daumen, dass das klappt, denn globale Themen betreffen uns alle, egal, wo wir leben.

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