Freiwilligendienst in England : "Normal sein, will man hier nicht"

Yvonne Delfendahl ist 18 Jahre alt und berichtet für die Schreiberling-Serie "Weit, weit weg" aus Brighton, England. Sie ist begeistert von den britischen Desserts, sehnt sich aber nach Brot mit knuspriger Kante. Und die Leute kleiden sich seltsam.

Yvonne Delfendahl
Unsere Autorin Yvonne vor ihrem Campus.
Unsere Autorin Yvonne vor ihrem Campus.Foto: privat

 

„Ist das normal? Ist das in Deutschland auch so?“, fragt mich Tina aus Taiwan und zeigt auf ein Mädchen mit einem Kuhnasenring, eine von vielen, die wir schon gesehen haben. „Brighton“ gebe ich zurück und sie versteht. Klar, auch in Deutschland zieren Leute ihre Nasenscheidewand mit einem Ring, jedoch nicht so häufig, wie hier in Brighton. Mir ist schnell klar geworden: Normal sein, will man hier nicht. Piercing, Tunnel, gefärbte Haare - das ist hier das Minimum. Auf der anderen Seite die Überbleibsel aus der Hippiezeit: Fairtradekleidung, Haremshosen, Fahrräder mit Blumenschmuck, Haarbänder. Was eigentlich zu häufig getragen wird, um auffällig zu sein, ist der Retro-Look: Bauchfrei, weite Jeans und dazu ein Pony, der auf der Hälfte der Stirn endet. Wer auffallen will, hat also die Wahl in der Dreifaltigkeit der südenglischen Modewelt - oder man kombiniert einfach querbeet.

Ich bin in Brighton gestrandet, knapp tausend Kilometer von meinem Zuhause in Berlin entfernt. Hier werde ich die nächsten neun Monate verbringen. Brighton. Das ist ein kieseliger Strand. Das sind viele Gässchen mit Kleidungs- und Krimskramsläden, Läden mit herzförmigen Schirmen mit Blumenmuster und Kuchen in Minion-Form. Das sind Clubs und Bars und ausgefallene Leute, Straßen mit bunten Reihenhäusern, die über die Hügel zum Meer führen.


Vielleicht ist es deswegen auch ein beliebtes Urlaubsziel der Londoner, oder einfach, weil der Strand nur etwas mehr als eine Stunde von der englischen Hauptstadt entfernt liegt. Die „University of Sussex“, auf deren Campus ich wohne, befindet sich außerhalb der Stadt, 30 Minuten mit dem Bus. Ich mache hier einen internationalen Jugendfreiwilligendienst. Das heißt, ich helfe einer Frau, Pia, die im Rollstuhl sitzt. Pia ist 22 Jahre alt und studiert Psychologie. Sie hat Cerebral Palsy, zerebrale Kinderlähmung. Diese Krankheit hat jedoch sehr unterschiedliche Ausprägungen, dadurch, dass der Name nur bedeutet, dass es während der frühen Kindheit, beziehungsweise schon bei der Geburt, zu einer Hirnschädigung gekommen ist.

England. Linksverkehr.
England. Linksverkehr.Foto: Yvonne Delfendahl

In den Clubs trifft man auf Römer- und Cartoonfiguren


Pias Muskeln sind sehr schwach. Die Beine kann sie kaum bewegen, ihre Arme hingegen sind nur leicht betroffen. Außerdem hat sie leichte Koordinationsschwierigkeiten. Schlösser aufschließen fällt ihr schwer. Ich helfe Pia dann bei allem, was sie nicht so gut kann, in den Rollstuhl oder beim Kochen, weil sie keine schweren Sachen heben kann. Oder ich öffne ihr einfach nur Türen oder suche etwas für sie in ihrem Zimmer, weil nicht alles immer auf Rollstuhlhöhe liegt. Obwohl Pia durch ihre körperliche Behinderung stark eingeschränkt ist, macht sie doch alles, was für sie geht. Sie singt in einem Chor und arbeitet freiwillig bei einer Art Hilfstelefon.

Zusätzlich zu mir wird Pia auch von Henri, ebenfalls aus Deutschland, und Tina, aus Taiwan, betreut. Jeder von uns arbeitet immer drei Tage hintereinander und hat dann drei Tage frei. Dann genieße ich das Unileben, besuche Mathe- und Bio-Vorlesungen und nehme an Societies (AGs) teil, wie Capoeira oder Chor. Oder ich lache einfach darüber, dass hier am Mittwoch viele Societies verkleidet in Clubs gehen und du dann dort auf haufenweise Römer- oder Cartoonfiguren triffst.

Das Essen hier ist, bis auf den Nachtisch, eher gewöhnungsbedürftig. Es gibt eigentlich kein normales Brot mit knuspriger Kante oder sogar Körnern, das meiste was man bekommt, und was auch am meisten gegessen wird, sind irgendwelche labbrigen, toastartigen Dinger. Es ist immer sehr lustig, wenn man dann mal deutsche Produkte im Supermarkt sieht - sie sind meistens die Günstigsten, obwohl sie importiert wurden.

Was ist noch anders an England? In großen Buchstaben steht auf vielen Kreuzungen geschrieben: „Look right“, was ich aber meist geflissentlich überlese und erst mitbekomme, wenn ich dann wieder auf den Bürgersteig springen muss, weil ein Auto angebraust kommt. Linksverkehr.


Es wird britisches Englisch gesprochen, Pia lacht immer, wenn ich „tomato“ sage, weil es in England genauso gesprochen wird, wie es geschrieben wird. Sonst gilt das Motto: „Been there, Done that, Got the T-Shirt“, weswegen ich nun ein T-Shirt von dem „Festival“ auf dem Campus, bei dem alle Bands und Musiksocieties der Uni gespielt haben, und eins von dem Freiwilligentreffen meiner Organisation, habe. So kommt man übers Jahr wahrscheinlich zu relativ vielen, mehr oder minder schönen T-Shirts, die nicht so abgefahren aussehen, wie die Leuten auf der Straße.

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