Geteiltes Deutschland : Vor 25 Jahren war irgendwas

Jugendliche haben Interviews mit Zeitzeugen zu den beiden deutschen Staaten geführt. Dabei herausgekommen ist das Buch „Geteilte Ansichten“.

Cyrill Callenius
Schüler August Rohr (LIN Berlin) bei der Buchpräsentation. Im Hintergrund: Birgit Murke, Herausgeberin von "Geteilte Ansichten".
Schüler August Rohr (LIN Berlin) bei der Buchpräsentation. Im Hintergrund: Birgit Murke, Herausgeberin von "Geteilte Ansichten".Foto: Franziska Donath, franziskadonath.de

Jugendliche vermischen oft Geschichtsepochen. Die DDR? Wurden da nicht Leute vergast? Zumindest hätten einige Schüler das gedacht, sagt Birgit Murke, die zusammen mit Julia Balogh das Buch „Geteilte Ansichten“ herausgegeben hat. Dieses extreme Beispiel ist hoffentlich kaum repräsentativ, allerdings scheint das Wissen über die DDR-Vergangenheit Deutschlands bei vielen Schülern nicht hängenzubleiben. Elf- bis 18-jährige Schüler der Literaturinitiative Berlin (LIN) haben sich in den vergangenen drei Jahren eingehender mit dem Thema beschäftigt. 24 Interviews mit verschiedenen Zeitzeugen haben sie geführt, 17 davon wurden jetzt veröffentlicht.

Für Kenner überflüssig, für Unwissende zu wenig

Zeitzeugen sind eine wunderbar, um etwas über vergangene Ereignisse zu erfahren. Die Interviewpartner stammen aus Ost und West, sind jünger und älter und üben die unterschiedlichsten Berufe aus. Es sind individuelle Erlebnisse und Eindrücke, die in diesem Buch geschildert werden. Der oppositionelle Pfarrer Rainer Eppelmann erzählt von seiner Zeit im Gefängnis, der Musiker Pierre Baigorry von seiner Kindheit in West-Berlin und die Schauspielerin Hanna Schygulla vom 9. November 1989. Auch die Autoren Sten Nadolny oder Olaf Schwarzbach berichten von ihren Erlebnissen in der Zeit der Teilung.

Direkt neben den jeweiligen Interviews werden einige Begriffe kurz erläutert. Vieles davon habe ich beim Lesen eher als störend empfunden. Die kurzen Lehrbuchtexte greifen etwa den Begriff "Grüne Grenze" auf oder erklären, was unter "Nazi-Zeit" zu verstehen ist. Der versierte Leser braucht das nicht, und für den Unwissenden bietet das Buch zu wenige allgemeine Informationen über die Zeit.

Ich will Gregor!

Die Interviews selber könnten an der einen oder anderen Stelle, für meinen Geschmack, ausführlicher sein. Wenn Ines Geipel als ehemalige Sportlerin der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft nur kurz das Thema Doping anschneidet, ist das verschwendetes Potential. Wirklich enttäuschend ist aber, dass das von den Schülern geführte Interview mit Gregor Gysi nicht in dem Buch enthalten ist. Die Herausgeberinnen begründen dies mit der Parteizugehörigkeit von Gysi. Wenn einer von der einen Partei zu Wort kommt, müssten auch Vertreter der anderen Parteien eine Stimme bekommen. Diese Begründung wird aber dadurch ad absurdum geführt, dass Rainer Eppelmann bis 2005 für die CDU im Bundestag saß. Ein Buch mit Interviews zu diesem Thema kann überhaupt nicht unpolitisch sein, obwohl Julia Balogh das behauptet. Sollte es auch nicht. Ein Zeitzeuge stellt seine individuelle Sicht der Dinge dar. "Man nähert sich am besten der Zeitgeschichte an, indem man möglichst viele unterschiedliche Stimmen nebeneinanderstellt und sie gleichwertig behandelt", sagt der Comiczeichner Felix Görmann in einem der Interviews.

Schade, dass die Herausgeberinnen nicht auf diesen Rat gehört haben. Trotzdem ist es spannend, die Interviews zu lesen und dabei neue Aspekte kennenzulernen. Für mich als jemanden, der mit einer hohen Affinität an das Thema herangeht, ist "Geteilte Ansichten" eine interessante Zusammenstellung von Interviews. Mehr wäre allerdings noch drin gewesen.

Julia Balogh, Birgit Murke (Hrsg.): Geteilte Ansichten. Ueberreuter, 2015. 176 Seiten, 9,95 €. 12 – 15 Jahre.

Gefällt dir? Das ist ein Beitrag von unserem Jugendblog "Der Schreiberling". Werdet unsere Freunde auf www.facebook.de/Schreiberlingberlin oder folgt uns aufwww.twitter.com/schreiberling.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben