Haltestelle Woodstock in Polen : Wo Anarchie zu Hause ist

Wildes Campen, Schlammbäder vor der Bühne und Bier für umgerechnet einen Euro: Im polnischen Kostrzyn läuft das Festival Haltestelle Woodstock. Es verspricht eine Freiheit, wie es sie wohl nur hier gibt.

Henrik Nürnberger
Nass geworden? Egal, das polnische Woodstock ist nur einmal im Jahr.
Nass geworden? Egal, das polnische Woodstock ist nur einmal im Jahr.Foto: Henrik Nürnberger

Donnerstag, 12.30 Uhr, Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Hier warten die Polinnen Marta Michalak und Monika Drobnik, beide 29. Mit dabei ist auch Martas deutscher Freund, der gebürtige Potsdamer Ralf Kernchen, 38. Gerade landeten sie mit dem Flieger aus London, wo Ralf und Marta arbeiten. Monika lebt auf Jersey, der kleinen Insel im Ärmelkanal. Sie haben nur ein Ziel, wofür sie Berlin links liegen lassen und in den nächsten Zug nach Kostrzyn (Küstrin) einsteigen, um nur 90 Minuten später „grenzenlos feiern“ zu können, sagt Marta. Denn genau das ginge ihrer Meinung nach nur an einem Ort dieser Welt: Auf dem Haltestelle Woodstock Festival, zu dem auch in diesem Jahr über 500.000 Feierwütige rechts der Oder erwartet werden.

Das polnische Woodstock sprengt alles

Die Zahl von 500.000 Menschen ist dabei nur eine vage Schätzung. Wie viele tatsächlich jedes Jahr zusammenkommen, weiß keiner genau. Im vergangenen Jahr sollen es nach Angaben der Veranstalter 750.000 Besucher gewesen sein. Dabei ist es nicht nur die schiere Masse Feierwütiger, die die Haltestelle Woodstock zu einem Festival werden lässt, welches seinesgleichen in Europa sucht.

Die ersten Camper erreichten den Ort vor einigen Wochen und hatten damit die traditionelle Ehre, auf Einladung des Bürgermeisters von Kostrzyn mit eben jenem zu dinieren. In kostenlosen Sonderzügen, den „MusicREGIOs“, reist Polens Jugend aus dem ganzen Land an. Bereits am Dienstag, zwei Tage vor dem Festival, ist die Wiese gut gefüllt.

Angst, keinen Platz in der großen Zeltstadt zu finden, muss auch heute niemand haben. Es kann gezeltet werden wo noch Platz ist. Irgendwo. Ob in Sichtweite der großen Bühne oder im Wald – einen Plan gibt es nicht. Auch sonst nimmt man es mit der Ordnung nicht so genau auf dem polnischen Woodstock. Wer sich schwer tun sollte, sein Zelt zu finden (was nicht nur am Alkoholgenuss liegen muss), kann eine eigens dafür entwickelte Handy-App nutzen, die einen dank Navigationsfunktion sicher an seinen Schlafplatz  geleitet.

Zu viel Anarchie für The Prodigy

Es sind oft nicht die großen Namen, die auf dem Haltestelle Woodstock auftreten. Mit der irischen Band Floggin Molly, der Black Label Society und „Mister Bombastic“ alias Shaggy, gelingt es aber auch in diesem Jahr, immerhin einige internationale Hochkaräter für den Sonnabend an die Oder zu holen. „Die Bands sind nicht das Entscheidende. Wichtig ist die Atmosphäre“, sagt Marta, während der Zug langsam über die Brücken des Grenzflusses rollt.

Auch 2011 war sie dabei, als die Elektro-Formation The Prodigy das Festival zum Beben brachte. Überliefert ist ein handfester Streit zwischen der Band und dem Veranstalter. The Prodigy befürchteten ein Unglück, da nicht die woanders sonst üblichen Barrieren, sogenannte Wellenbrecher, errichtet wurden, durch die ein Korridor in der Menschenmasse für Sicherheit sorgen soll. Dieser wurde daraufhin das erste und bisher einzige Mal überhaupt bei der Haltestelle Woodstock eigens für den Auftritt errichtet – mit Zähneknirschen des Veranstalters. Anarchie gehört auf dem Woodstock eben zum Konzept.

Und genau das schätzt Marta im Gegensatz zu britischen Festivals wie dem „Download“ oder „Reading“. Das Areal ist weitläufig und die Bühne mehrere Meter hoch. Unmittelbar davor stehend, ist von den Künstlern nicht viel zu sehen. Dadurch bildet sich auf fast natürliche Weise immer ein Korridor, durch den Fluchtwege für jene da sind, die der Masse entkommen wollen. Bei The Prodigy wie auch bei anderen Bands gibt es beim Festival tatsächlich kein bedrohliches Gedränge. Auch in 21 Jahren Festival-Geschichte gab es keine Unglücke.

Nirgendwo ist Polen so freizügig

Neben den Bands auf mehreren Bühnen, werden in den drei Tagen zahlreiche Workshops angeboten. Sie tragen teils skurrile Titel wie „Sei wie eine Tomatensuppe, damit jeder dich mag“ oder „Psychologie – wie kontrolliere ich meine Wut?“. Der Name Woodstock, in Anlehnung an das legendäre Hippie-Festival 1969, soll nicht nur ein Label bleiben. Die Veranstalter stehen dafür im engen Kontakt mit den Organisatoren des amerikanischen Vorbilds von einst.

Natürlich darf auch das Thema Sex nicht fehlen, welches – Polnischkenntnisse zur Diskussionsteilnahme vorausgesetzt – in zahlreichen Workshops behandelt wird. Beim Woodstock ist nicht viel zu spüren vom katholisch-konservativen Ruf des Nachbarlandes, was der alljährlichen zum Auftakt stattfindende „Lauf der Nackten“ quer übers Festivalgelände eindrucksvoll beweist. Nirgendwo ist Polen so freizügig wie hier.

Die etwas andere Charity Gala

Diese Offenheit gefällt nicht allen im Land. Der katholischen Kirche und konservativen Parteien ist das Festival oft ein Dorn im Auge. Die Zeiten, in denen kirchliche Medien Propaganda-Videos produzierten, in denen sie das Festival als „satanisches Treiben“ darstellten, sind zwar vorbei. Doch der Initiator des Woodstock, Jerzy Owsiak, sieht sich dennoch regelmäßiger Kritik ausgesetzt.

Der große Erfolg von Owsiaks gegründeter Spendenaktion des Großen Orchesters der Weihnachtshilfe, polnisch Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy (WOŚP), durch das im Januar Geld für Krankenhäuser gesammelt wird, ruft Neider großer karitativer Organisationen mit Nähe zur Kirche auf den Plan. Laut eigenen Angaben der Wohltätigkeitsorganisation WOŚP kamen in diesem Jahr 53 Millionen Złoty, umgerechnet etwa 13 Millionen Euro, an Spenden zusammen. In den vergangenen 23 Jahren wurden nach Informationen von „newsweek.pl“ 30.000 medizinische Geräte im Wert von 600 Millionen Zloty (145 Millionen Euro) für 600 Krankenhäuser gesammelt. Aus den Zinserträgen dieser Summe wird größtenteils das jährliche Woodstock-Festival in Kostrzyn finanziert, das als Dankeschön an alle Helfer gedacht ist. Offen ist das Festival jedoch für alle. Auch dank großer Biersponsoren und des Verzichts der Künstler auf ihre Gagen, ist der Eintritt frei.

Jeder ist willkommen

Der offene Charakter des Festivals zieht sowohl spontane Tagesbesucher aus dem mit der Bahn nur 90 Minuten entfernten Berlin an, als auch langjährige Fans wie Marta, Monika und Ralf, die über vier Tage hier bleiben. „Ich bin süchtig nach diesem Festival“, bekennt Marta. Schlammbäder im gut bewässerten „Pool“ vor der Hauptbühne müssten es aber nicht mehr sein. Lieber trifft sie sich mit ihren alten Studienkollegen aus ihrer Zeit in Łódź am "Krishna-Zelt" zum Entspannen. Die Haltestelle Woodstock ist seit jeher ein fester Treffpunkt im Jahr geblieben, für sie zum bereits 15. Mal.

Der Zug fährt in Kostrzyn ein. Marta, Monika und Ralf machen sich bereit. Ihr Wochenende auf dem grenzenlosen Festival kann beginnen.

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