In Kontakt bleiben mit den Eltern : Beziehungsmanagement

Konstanze verbringt ihr Auslandssemester in der Türkei. Trotz neuer Kommunikationswege ist ein gepflegter Draht nach Hause ein hartes Stück Arbeit.

Konstanze Nastarowitz
Ein Selfie für die Eltern.
Ein Selfie für die Eltern.Foto: Verena Balschus

Erst das müßige Verabreden zu einem passenden Termin, dann das vertraute „Es gibt ein Problem mit Ihrer Netzwerkverbindung“ und dann ein völlig verpixeltes Bild auf dem überforderten Laptop: Skype kann manchmal mehr Fluch als Segen sein. Gerade bin ich diejenige, die von meinem Auslandssemester in der Türkei aus mehreren 1000 Kilometern Entfernung anruft. Wenn Beziehungen Gärten sind, die sprichwörtlich "gehegt und gepflegt" werden müssen, dann ist es mit etwas Unkraut jäten nicht getan. Die Kontaktpflege zur Heimat ist ein hartes Stück Arbeit.

Sie werden meiner Abwesenheit stets bewusst

Meine Eltern und ich sind ein nicht immer einfaches Gespann. Nicht durchweg harmonisch und immer mal wieder in hitzige Diskussionen verwickelt, wissen wir aber trotzdem, dass wir zusammengehören - trotz emotionaler Tiraden über meine viel zu früh gewonnene Unabhängigkeit. Als verwöhntes Einzelkind war mir die Zuneigung meiner Eltern immer gewiss, ich musste nie buhlen um Aufmerksamkeit, Zeit oder Liebe. Aber manchmal möchte man eben trotz alledem gern auch ein bisschen Freiraum haben.

Man sagt ja immer, Fernbeziehungen können dann funktionieren, wenn beide Partner gerade etwas Neues beginnen: umziehen, einen neuen Job anfangen, das Reisen für sich entdecken. Das trifft wohl auch auf meine Eltern und mir zu, denn vermutlich ist genau das momentan der Kern unseres Problems: Meine „Beziehungspartner“ befinden sich immer noch in vertrauter Umgebung, können sich sogar täglich meiner Abwesenheit bewusst werden, indem sie sich in mein Kinderzimmer stellen und an meiner Bettwäsche riechen. Ich wiederum habe hier ein Foto der Beiden an meine Wand geklebt - und schalte sonst eher auf Autopilot.

Whatsapp als Mittel der Wahl

Zur Kontaktpflege über weite Entfernungen könnte ich mittlerweile Romane schreiben. Das Ganze beginnt vor dem Auslandssemester in ewigen Diskussionen mit Freunden und Bekannten. Da ist die eine Freundin, die Whatsapp verteufelt und auf tägliche Telefonate schwört, die andere Kommilitonin, die ihrem Partner jeden Tag ein Foto von ihrem Mittagessen schickt und die ganz reaktionäre Bekannte, die mir lange Mails und – wenn möglich – Briefe als die einzig wahre Kommunikationsform ans Herz legt.

Dann spricht man vor dem Abflug natürlich auch miteinander, überlegt sich ein Konzept, wie das alles klappen könnte. Bei uns bedeutete das, dass sich meine Mutter ein Smartphone angeschafft hat und ich tatsächlich nach etwa einem Monat plötzlich einen Whatsapp-Anruf von ihr erhielt – sogar inklusive Profilfoto! Entgegen meiner Erwartungen klappt die Whatsapp-Kommunikation erstaunlich gut, besser zumindest als Skype in den ersten paar Wochen. Da sah ich von meinen Eltern in Berlin im Normalfall nur den Kopf von der Nasenspitze aufwärts (die Webcam hing wohl etwas unbeholfen auf dem Bildschirm) und beim Senden von Fotos verirrten sich die Beiden regelmäßig irgendwo zwischen den verschiedensten Computerfenstern.

Warten auf ein Lebenszeichen

Jetzt sende ich über Whatsapp Massen an Fotos nach Berlin. Am anderen Ende freut man sich über ein Lebenszeichen des viel zu unabhängigen Kindes im Ausland. Als Antwort auf meine Selfies aus Kappadokien folgen Fotos meiner Katze auf dem heimischen Sofa, über die ich mich – Unabhängigkeit hin oder her – eben auch einfach freue.

Problematisch bleiben aber Phasen, in denen ich nicht sofort antworte („Immer noch keine Nachricht von dir…“) und waghalsige Momente, in denen wir es mit einem Whatsapp-Anruf versuchen. Meine Erzählungen kommen dann immer so zeitversetzt an, dass meine Liebsten in Berlin völlig entnervt nach einigen Minuten aufgeben. Wenn ich in ganz liebevoller Stimmung bin, lehne ich mich zu so einem Anruf auch schon mal an das offene Fenster meiner Mitbewohnerin und ertrage die kalte Dezember-Luft – nur, um besseren Empfang zu haben. Ich finde, ich kann eine vorbildliche Tochter sein.

Eltern als praktischer Informationsdienstleister

Natürlich vergleicht man sich schnell in „Fernbeziehungen“, schaut sich an, wie andere das so managen. Im Vergleich kommen meine Eltern und ich erstaunlich gut weg, sie sind noch moderat in der Pflege. Vor einigen Wochen reiste ich mit einer ERASMUS-Bekannten an die Schwarzmeerküste. Dort hatten wir immer schon die Wettervorhersage für den nächsten Reiseort auf dem Handy. Die Mutter meiner Freundin hatte alle Orte sofort gegoogelt und informierte uns per Whatsapp über „14 Grad in Amasra – super Strand – vielleicht gibt es ja doch noch (Sonnensmiley)“ und „Safranbolu – 430 Kilometer von Eskişehir – UNESCO-Weltkulturerbe mit Fachwerkhäusern!“ Wie praktisch: Die Eltern als persönliche Informations-App.

Sicher kenne ich auch die Vorwürfe. Ich melde mich viel zu selten trotz Selfies aus Kappadokien. Und überhaupt schreibe ich immer nur dann, wenn ich etwas brauche und rede dann nur über mich. Da ist was Wahres dran. Meine Eltern müssen tatsächlich vor allem dann ran, wenn ich Probleme mit meinem Konto habe, im Dunkeln sitze, weil meine Waschmaschine einen Kurzschluss hatte („Papa, was mache ich jetzt?“) und mal wieder eine Bewerbung korrigiert werden muss. Nutze ich sie egoistisch aus? Mein Vater hat eben noch immer am meisten Ahnung von meinem Konto – was kann ich denn dafür?

Wiedersehen macht Freude

Über Weihnachten fliege ich heim. Das musste ich schon versprechen, als ich abgeflogen bin und daran erinnert mich meine Mutter auch in regelmäßigen Abständen. "Wann genau fliegst du jetzt eigentlich? Wie lange hast du dann vor zu bleiben? Nicht lange, dann ist Weihnachten!" - Sätze, die man eben von einer sehr emotionalen Mutter ab und an zu hören bekommt. Und sich einerseits manchmal eingezwängt und gleichzeitig auch irgendwie geliebt fühlt.

Für die Weihnachtszeit kommt jetzt noch eine besondere Aufgabe auf mich zu: Ich muss meinen Eltern beichten, dass ich wohl einige der Festtage auch bei einem weiteren wichtigen "Beziehungspartner" verbringen möchte – meinem Freund.

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