Interview mit DJ Sascha Braemer : „Mit 18 dachte ich, ich wäre unsterblich“

Der Berliner DJ Sascha Braemer brachte Tracks wie „Caje“ oder „People“ in die Szene-Clubs und Techno wieder in die Charts. Sein erstes Solo-Album heißt "No Home". Ein Gespräch über Partys mit Gasmasken und die Zeit.

Julia Tilk, 18
"No Home". Der Berliner DJ Sascha Braemer (39) hat sein erstes Album herausgebracht.
"No Home". Der Berliner DJ Sascha Braemer (39) hat sein erstes Album herausgebracht.Foto: promo/ Arne Grugel

Nach drei Jahren des Umherreisens meldet sich der Berliner DJ Sascha Braemer mit seinem ersten eigenen Album zurück: 16 Tracks, die in ruhelosen Nächten, zwischen Flügen und Clubauftritten entstanden sind. „No Home“ - Kein Zuhause - nennt er die Platte, die genau danach klingt, es ist kein aufgedrehtes, funky Party-Album. Durch die ständig wechselnden Stile fühlt man sich wie auf einem nächtlichen Streifzug durch die Straßen einer Stadt – etwas ziellos, etwas nachdenklich. Wir haben ihn in Friedrichshain getroffen.

Wie kann man sich einen 18-jährigen Sascha Braemer vorstellen?

Ich war ein typisches Kind der 80er Jahre, bin mit Depeche Mode und Modern Talking aufgewachsen. Als Anfang der 90er Techno bekannt wurde, war ich gerade mal 16. Alles war so neu für uns, mit 18 dachte ich, ich wäre unsterblich. Wir haben uns stark gefühlt, Teil einer krassen musikalischen Revolution zu sein. Wir waren einfach anders als wir mit unseren Gasmasken und Handschuhen durch die Clubs gezogen sind und bei der Loveparade ganz vorne mitgeraved haben.

Das fanden deine Eltern in Ordnung? Dich in Gasmaske nächtelang feiern zu lassen?

Ja schon. Sie haben mir vertraut, dass ich keinen Mist baue und auf mich aufpasse. Ich war auch nie der Typ, der sich alles Mögliche reinpfeift oder komplett besoffen in der Ecke liegt.

Sahen die das genauso entspannt als du mit der Idee angekommen bist, DJ zu werden?

Sagen wir´s mal so, begeistert waren sie jetzt nicht davon, auch Freunde meinten, ich sollte es lieber bleiben lassen. Von Anfang an hat eigentlich nur meine Oma an mich geglaubt und mich aufgebaut, deswegen auch der Name „Braemer“. Nach der Bundeswehr habe ich in einer Autofirma gearbeitet und wurde mit 23 jüngster Abteilungsleiter, hätte also eine gesicherte Zukunft haben können.

Aber ich hab schnell gemerkt, dass mich Autos gar nicht interessieren und dass mich der Job nicht erfüllen würde. Von meinem 5-Euro Barjob habe ich mir erst mal einen eigenen Rechner geholt, mir ein bisschen was selbst beigebracht und irgendwann kamen dann die ersten Gigs. Mittlerweile freut sich meine Mutter wenn ich was Neues rausbringe, sie ist aber mehr der Rock n´ Roll Typ. (lacht)

Haben es DJs heute schwerer groß rauszukommen? In Berlin ist ja fast jeder DJ... 

Heute reicht es schon fast, wenn man einen Laptop und gecracktes Ableton hat. Hier und da ein paar Beats klauen und zusammenmixen um den neuen Track dann auf Soundcloud oder Youtube zu stellen, wo er sich binnen kürzester Zeit verbreitet. So einfach hatten wir es damals nicht. Wir mussten unsere Tracks rumschicken und haben etliche Absagen bekommen. Aber später haben uns Youtube & Co auch geholfen, die breite Masse zu erreichen. „People“ zum Beispiel hat dank Social Media den Bekanntheitsgrad von „Stil vor Talent“ extrem gesteigert.

Danach ging´s ja steil bergauf für dich, du bist von Club zu Club getourt und hast viel von der Welt gesehen. Jetzt kommt dein neues Album „No Home“ raus. Kein Zuhause - ist das etwas Negatives?

Die letzten drei Jahre war ich eigentlich nur am Reisen und Auflegen. Diese Etappe ist extrem an mir vorbei gerauscht. Ich habe viel erlebt, aber nie darüber nachgedacht, immer nur funktioniert. Ich hab mich mit dem Album versucht zu reflektieren, das Geschehene zu verarbeiten und gleichzeitig mit dieser Zeit irgendwie abzuschließen.

Die letzten drei Jahre war Sascha Braemer fast pausenlos unterwegs, aber zu Hause sei kein bestimmter Ort, sondern ein Wohlfühlmoment.
Die letzten drei Jahre war Sascha Braemer fast pausenlos unterwegs, aber zu Hause sei kein bestimmter Ort, sondern ein...Foto: promo/ Arne Grugel

Gleichzeitig ist „No Home“ auch eine Anregung sich zu fragen, was zuhause eigentlich für einen selbst bedeutet. Ich fühle mich zu Hause bei meiner Familie, in meiner Wohnung in Berlin, beim Entspannen. Aber auch, wenn ich in Tokio in einem Zelt mitten in den Bergen vor 20.000 Menschen aufwache, die meine Musik hören wollen. Zu Hause fühle ich mich, wenn ich mich wohlfühle.

Du bist in Berlin geboren. Gehen hier die Leute krasser ab also irgendwo anders?

Ich spiele leider nur alle paar Monate in Berlin, viel bekomme ich von der lokalen Clubszene nicht mit. Ich finde die Mischung des Publikums macht es im Club aus. Es ist ganz angenehm, nicht nur stampfende Jungs vorm DJ-Pult zu haben. (lacht) Meine Empfehlung zum Feiern gehen: Im Watergate starten, wenn gutes Wetter ist weiter zum Open Air im Sisy und Afterhour im Kater. 

Welche Vorurteile über DJs kannst du nicht mehr hören?

Die meisten sagen: DJing? Voll einfach. Würde ich auch gerne machen!, dabei ist es, wie jeder andere Job auch, anstrengend. Aber wenn Du voller Eifer am Ball bleibst, ist es ein Job, den man gern macht. Du trinkst, schwitzt im Club, machst coolen Sound hat schon ein bisschen was vom Rockstar-Image oder?

Dann geht natürlich jeder davon aus, dass du Drogen ohne Ende nimmst. Ganz ehrlich, wenn ich mir vor jedem Auftritt was reinpfeifen würde, würde ich gar nicht mehr leben. Wenn ich mit meinem Erfolg jetzt noch mal 20 wäre, ich bräuchte echt einen starken Willen um da nicht in Versuchung zu geraten. Stattdessen lieber ein, zwei Espresso-Martini das hält dich wach und ist wesentlich gesünder.

Denkst du Techno bleibt so populär wie jetzt? Und auch so, wie wir Techno heute kennen?

Solange es Partys gibt, wird es auch uns DJs geben, ganz klar. Von den verschiedenen Neben-Genres vom Techno wird sich nicht viel ändern, eher die Vermischung mit anderen Musikstilen. Früher wurden Beats aus dem Pop-Bereich übernommen, heute mixen sich Rapper und Popstars viele ihrer Tracks aus dem Electrobereich. Ich find´s super, man erreicht so viel mehr Leute, viel mehr Generationen. Ich würde schon sagen, dass Techno angekommen ist.

Was würdest du deinem heute deinem 18-jährigen Ich raten?

Pass auf dein Glas auf! Und mach was aus Deiner Zeit, die geht verdammt schnell rum.

Kleiner Tipp für den späten Freitagabend: Sascha Braemer legt in der Nacht zu Sonnabend im Watergate (Falckensteinstraße 49, Kreuzberg) auf. Einlass ist um 23.59 Uhr.

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