Kommentar : Pegida passt nicht zu Weihnachten!

In Dresden singen über zehntausend Demonstranten Weihnachtslieder, während sie Plakate mit ausländerfeindlichen Parolen in die Höhe halten. Dagegen könnte mehr Tradition helfen. Ein Kommentar auf unserem Jugendblog.

Nora Tschepe-Wiesinger
Die Autorin Nora Tschepe-Wiesinger ist 20 Jahre und schreibt für den Jugendblog des Tagesspiegels. Foto: privat
Die Autorin Nora Tschepe-Wiesinger ist 20 Jahre und schreibt für den Jugendblog des Tagesspiegels.Foto: privat

„Weihnachten ist dieses Jahr irgendwie abgemagert“, sagt meine 15-jährige Schwester, während sie vor dem gefüllten Plätzchenteller in einem Berg Geschenkpapier sitzt. Regen prasselt aufs Wintergartendach, dicke Tropfen. Ich betrachte die elektrischen Lichter am Weihnachtsbaum vor mir und nicke.

Vor drei Jahren hatten wir noch Kerzen, richtige brennende Bienenwachskerzen, die die Krippe unter dem Weihnachtsbaum in ein so weihnachtliches und warmes Licht tauchten, wie es keine Lichterkette der Welt vermag. Vor drei Jahren klingelte auch noch das Glöckchen. Ein helles, hohes Klingeln und erst dann durften meine drei jüngeren Schwestern und ich das festlich geschmückte Wohnzimmer betreten. Erst dann sahen wir zum ersten Mal den Weihnachtsbaum und die Geschenke darunter – im Hintergrund lief leise Händels „Tochter Zion“.

Wenn wir keine Werte leben, missbrauchen andere das Wort

Von Jahr zu Jahr, das meine Schwestern und ich älter werden, nehmen die Weihnachtstraditionen bei uns zu Hause ab. Dieses Jahr klingelt weder ein Glöckchen noch leuchtet der Baum, als wir nach dem Krippenspiel, bei dem meine jüngste Schwester immer noch mitspielt, nach Hause kommen. Geschenke liegen auch keine darunter. Meine Mutter fragt stattdessen, ob nicht mal jemand ein Verlängerungskabel aus dem Keller holen kann, damit man wenigstens sieht, dass sie den Baum geschmückt hat (früher waren es die Engel). Die Geschenke könnten wir dabei gleich mitbringen.

Ich finde es schade, wie normal Weihnachten geworden ist. Alle Jahre wieder türmen sich in den Supermarktregalen Spekulatius und Lebkuchen, man rennt zum Glühweintrinken auf den Weihnachtsmarkt und an Heiligabend in die Kirche, überfrisst sich am Gänsebraten und verschenkt Bücher, Socken, Spiele. Warum man das macht, ist dabei irgendwie egal geworden.

Ich wünsche mir wieder mehr Tradition an Weihnachten: Brennende Kerzen statt elektrischen Lampen, Glöckchen und Gesang statt Radiomusik. Nicht, weil ich Traditionen so liebe, sondern damit Weihnachten etwas von seiner Besonderheit und seinem Zauber zurückgewinnt.

In Dresden gehen Tausende gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes auf die Straße. Werte, die sie verteidigen wollen, haben wenig mit christlichen Werten zu tun. Wenn Pegida-Anhänger von „gnadenbringender Weihnachtszeit“ singen und gleichzeitig Transparente mit ausländerfeindlichen Parolen in die Höhe halten, dann ist Weihnachten so normal, ja selbstverständlich geworden, dass sogar der eigentliche Sinn verloren gegangen ist: Demut, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft.

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