Lettland : Eine Sprache ohne Schimpfwörter

In unserer Serie „Weit weit weg“ berichten junge BerlinerInnen einmal im Monat von ihren Auslandsjahren. Anile Tmava aus Charlottenburg ist momentan in Cesis, Lettland und geht dort in die 10. Klasse.

Anile Tmava
Anile Tmava, 15, aus Charlottenburg, ist momentan in Cesis, Lettland und geht dort in die 10. Klasse
Anile Tmava, 15, aus Charlottenburg, ist momentan in Cesis, Lettland und geht dort in die 10. KlasseFoto: privat

Lettland, das Land der Volkslieder und der Blumenkränze. Kleiner Scherz. In den kommenden Monaten möchte ich natürlich noch viel mehr über das kleine Land im Baltikum erfahren. Ich lebe auf auf einem Bauernhof und gehe in Cesis, einer Stadt nordöstlich von Riga, zur Schule. Ein bisschen habe ich mich auch auf das Land vorbereitet. Essensmäßig habe ich vor allem von Fleisch, Kartoffeln und Pilzen gehört. Das hat sich wirklich bestätigt. Bei meiner Gastfamilie gibt es täglich Kartoffeln aus dem Garten und Pilze aus dem Wald zu essen. Das Pilze-Sammeln war für mich als Großstadtkind eine spannende Erfahrung, für die Letten ist es allerdings eine Selbstverständlichkeit. Sonst gibt es viel Schokolade und süßes Gebäck, sehr würziges Kümmel-Schwarzbrot und fast überall sind Rosinen drin.

Warum eigentlich Lettland? Ich wollte mal die Perspektive wechseln, mich der Musik widmen, Lettisch lernen - nur für mich, weil ich das garantiert nie wieder brauchen werde , mich in einem anderen Land wie zuhause zu fühlen. Lettland, weil sich keine Schimpfwörter im lettischen Wortschatz finden lassen, weil es eigentlich doch ziemlich nah dran ist und wir trotzdem kaum etwas drüber wissen. Ein Beispiel: Jeder Lette, den ich bisher gefragt habe, würde den Euro, gerne wieder gegen den Lats eintauschen. Nicht nur, dass die Lats-Münzen kleiner und leichter waren („Jetzt ist das Portemonnaie so schwer, aber es ist doch nichts drin“, sagte mir mein Gastvaters), vielmehr waren die Letten stolz, eine eigene Währung zu haben. Zweimal im Jahr gab es einen limitierten Sonderdruck des Lats mit immer anderen Motiven - mal ein Hufeisen, mal ein Weihnachtsbaum. Die meisten Letten haben sich gleich am Erscheinungstag vor der Bank angestellt, um ihre Sammlung um den Neusten zu erweitern.

Die Burg von Cesis.
Die Burg von Cesis.Foto: Anile Tmava

Lettland hat den breitesten Wasserfall Europas

Für die Letten scheint Riga ein bisschen wie der Mittelpunkt der Welt zu sein. Aber meiner Meinung nach ist Riga seinen Ruhm auch wirklich wert. Fast alles Wichtige in Lettland spielt sich in dort ab: Politik, Kultur, Tourismus. 2014 ist Riga Kulturhauptstadt Europas, weswegen viele Teile der Stadt neu hergerichtet wurden und mit kulturellen Schauplätzen, wie Konzertsälen oder Museen, ausgestattet wurden. Es macht echt Spaß, durch die verschiedenen Viertel der Stadt zu laufen, sodass ich erst am Ende gemerkt habe, dass mir die Füße total wehgetan haben und ich Heißhunger hatte.

Aber Lettland hat noch weit mehr zu bieten als Riga: Zum Beispiel den breitesten Wasserfall Europas in Kuldiga, einige Barock- oder Rokokoschlösser, mittelalterliche Städte und Nationalparkgebiete. Außerdem gibt es in Lettland eine große russische Minderheit und viel Schnee (aber keine Berge), aber leider auch eine hohe Jugendarbeitslosigkeits- und Auswanderungsrate. Musik im Allgemeinen, aber Gesang und Volkslieder besonders, stellen einen großen und wichtigen Teil der lettischen Kultur dar. Die Volkslieder basieren auf sogenannten Dainas, meist vierzeiligen Gedichten, die über viele Generationen in den lettischen Familien weitergegeben wurden. Meistens handeln sie von dem Bauernleben oder von Festen.

Celies agri, saules meita
Mazgā baltu liepa galdu
Rītu nāks Dieva deli
Zeltābolu ritinat
Übersetzung (so ungefähr):
Wache früh auf, Tochter der Sonne
Segne den weißen Lindentisch
Am Morgen wird der Sohn Gottes kommen
Um den goldenen Apfel weiter zu drehen

Die Hauptstraße von Cesis. Rechts ein Kunstmuseum.
Die Hauptstraße von Cesis. Rechts ein Kunstmuseum.Foto: Anile Tmava

Was mir noch aufgefallen ist, wie präsent der Ukraine-Konflikt hier ist. Da ist meine Gastfamilie, die nicht mit den russischen Nachbarn redet oder die Stimmung im Geschichtsunterricht, wenn über Russland gesprochen wird. Hier in meiner Stadt gibt es nicht so viele Russen, wie beispielsweise im Osten von Lettland, trotzdem ist eins der häufigsten Gesprächsthemen das „Russenproblem“. Ich weiß noch nicht, wie ich darüber denken soll, weil ich die Beweggründe der Letten zu ihrem regelrechten Hass noch nicht ganz nachvollzogen habe, genauso, wie ich noch nicht mit einem Russen über dieses Thema reden konnte.

Das ist ein Beitrag unseres neuen Jugendmagazins "Schreiberling". Lust auf mehr? Werdet unsere Freunde auf www.facebook.de/Schreiberlingberlin oder folgt uns auf www.twitter.com/schreiberling_.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben