Obdachlosenhilfe : Wärmespender auf vier Rädern

Tobias Hanßmann von der Berliner Stadtmission ist mit dem „Kältebus“ unterwegs, um Obdachlosen zu helfen – und das nicht erst, wenn es bitterkalt ist.

Henrik Nürnberger
Frank Alf (l.) und Tobias Hanßmann bei ihrer Kältebus-Tour.
Frank Alf (l.) und Tobias Hanßmann bei ihrer Kältebus-Tour.Foto: Henrik Nürnberger

Es war Anfang November und die erste Fahrt mit dem Kältebus des Jahres. Tobias Hanßmann hält Ausschau nach hilfebedürftigen Obdachlosen, die im Freien übernachten. Auf der Fahrt vom Bahnhof Zoo zum Savignyplatz entdeckt er am Straßenrand einen Mann. Er hält an, nähert sich ihm und wird angebrummt: „Na, dann bin ich ja mal gespannt“, sagt der verwahrloste Mann mit wenigen Haaren, gelben Zähnen und dreckigen Fingern – aber viel Bass in der Stimme. Der ist erstaunt, dass Tobias ohne Angst auf ihn zu geht, ihm warmen Tee reicht und ein Gespräch beginnt. An seinen Armen trägt er lilafarbene Stulpen, die bestickt mit Glitzer wie Fischschuppen glänzen. Auf die Frage danach erwidert der alte Mann, dass es das Symbol seines Daseins als „Drachenkönig“ sei. Dazu sei er eigentlich ein begnadeter Gitarrist, ja sogar mit Joe Cocker habe er in besseren Zeiten mal gesungen. Über das Thema Musik verstehen sie sich, Tobias Hanßmann spielt selbst Gitarre. Er überlegt sich wie er helfen kann.

Schlafplätze ausfindig machen und Menschen kennenlernen

Bis Ende März ist Hanßmann von der Berliner Stadtmission regelmäßig mit dem Kältebus unterwegs, spricht mit Obdachlosen, versorgt sie mit dem Nötigsten. In seinem Auto hat er Kleidung geladen, dazu Schlafsäcke und Isomatten, Essen, warme Getränke und medizinische Ausrüstung. Im besten Fall kann er die Hilfebedürftigen dazu bewegen, sich von ihm mit dem Kältebus zu einer sicheren Unterkunft bringen zu lassen: Weg von der Straße, weg von der Kälte.

Der Winter war bisher noch milde. Dennoch rückt der Bus auch täglich und bei jeder Temperatur aus. „Wir nutzen die Zeit, um Schlafplätze ausfindig zu machen und die Menschen intensiver kennenzulernen. Schwierige Fälle behalte ich im Hinterkopf. Wenn es dann richtig kalt wird, können wir besser reagieren, weil wir die Probleme vor Ort kennen“, sagt Hanßmann. Zwar werde es bei Minusgraden erst „richtig hart“, doch misst sich Kälte nicht nur In Gradzahlen, fügt sein Freund Frank Alf hinzu, der ihm für kurze Zeit ehrenamtlich bei seinen Fahrten unterstützt. „Die Kälte wird sehr individuell wahrgenommen und ist abhängig vom Gesundheitszustand.“ Jede Nacht bei niedrigen Temperaturen und Nässe könne für manche schon eine zu viel sein.

„Die Leute sind ja da, nur wissen wir oft nicht, wo“

Es ist kurz vor Weihnachten. Nach einem flüchtigen Gebet startet um 21 Uhr die Tour durch Berlin. Kaum losgefahren, alarmiert der erste Anrufer den Kältebus zum Rathaus Steglitz, ein Mann soll auf einer Bank liegen. Nur 20 Bürger rufen derzeit im Schnitt ihren Bus an, in sehr kalten Nächten können es aber schon mal über 100 werden.

Dass es derzeit nur wenige Anrufe gibt, beruhigt Tobias Hanßmann aber nicht. „Ich habe das eigentlich sehr ungern, denn obdachlose Menschen sind ja da, nur wissen wir oft nicht, wo.“ Schwieriger wird es, als es plötzlich zu Nieseln beginnt. „Bei diesem Wetter bleiben die Leute eher zu Hause und sind weniger wachsam“. Als sie am Rathaus Steglitz ankommen, ist kein Obdachloser anzutreffen.

Viele rufen aus dem Auto an, weil sie jemanden gesehen haben. Oft entpuppt sich das aber als Falschmeldung oder die Person ist weitergezogen. „Aber besser man fährt umsonst hin, als wichtige Fälle zu übersehen“. Meldern von Obdachlosen rät Tobias Hanßmann aber, genau hinzuschauen und sich auch über den körperlichen Zustand einen Eindruck zu verschaffen. „Mit diesen Infos können wir die Menschen zielgenauer versorgen und auch zu Gunsten anderer hilfsbedürftiger Menschen Prioritäten setzen und Zeit sparen.“ Ist der Zustand der Person sehr kritisch, sollte besser ein Krankenwagen verständigt werden.

Kältebus ist das „Aushängeschild“ der Obdachlosenhilfe

Vom Rathaus Steglitz geht es zur Seestraße. Dort ist eine Obdachlosenunterkunft bereits voll belegt. Notdürftig versucht ein Mann deshalb unmittelbar vor dem Gebäude zu campieren. Mit etwas Zureden kommt er mit in den Bus. Die Fahrt geht quer durch Berlin zu einer Obdachlosenunterkunft an der Frankfurter Allee, eine Traglufthalle die gern „Ballon“ genannt wird. Unterwegs lässt Beifahrer Frank seinen Blick schweifen. Vor allem bei Bankenfilialen richtet er sich etwas von seinem Sitz auf. Auch diesmal erspäht er einen Mann, der gehüllt in Decken auf einer Pappe im Flur vor dem Geldautomaten liegt. Tobias Hanßmann hält den Bus an. „Um Zwölf, wenn viele Banken schließen, werden die meisten vor die Tür gesetzt.“ Behutsam weckt er den Mann, reicht wie üblich Tee, spricht mit ihm. Dankbar lässt sich der Mann zum Bus geleiten. Die Fahrt zur Notunterkunft geht weiter.

Und so vergeht die nächtliche Tour von Ort zu Ort. Sie steuern bekannte Hotspots an: Warschauer Straße, Ostbahnhof, Alexanderplatz, Kottbusser Tor, später geht es zum Zoo. Wo immer der Kältebus auch auftaucht, überall strömen hilfebedürftige Menschen heran, nehmen dankend einen Schluck warmen Tee, freuen sich über ein Stück Schokolade oder wollen einfach nur Reden. Tobias Hanßmann nimmt sich Zeit dafür. Er lässt sich genau erklären, wo noch weitere Wohnungslose die Nacht verbringen. Jedes Detail notiert er sich genau.

Auch Passanten halten an und erkundigen sich über ihre Arbeit. In jeder Nacht verteilt Hanßmann einen großen Stapel Visitenkarten. „Beim Warten an einer Ampel kam es kürzlich vor, dass der Fahrer auf der Nebenspur sein Fenster herunterkurbelte und einen Zwanziger als Spende rüberreicht. Das zeigt uns, dass die mobile Hilfe mittlerweile bekannt ist“. Mehr noch sei der Bus sowas ein „Aushängeschild“ der Obdachlosenhilfe. „Die Öffentlichkeit mag unsere Arbeit.“ Abfällige Sprüche kommen zwar vor, sind aber selten. Die beeindrucken den 20-Jährigen ohnehin nicht. „Man tut nicht nur Gutes, sondern kann auch selbst von der Arbeit profitieren. Ich habe gelebte Menschenliebe gelernt.“ Deshalb entschied er sich, mit dem Lehramtsstudium noch ein Jahr zu warten und stattdessen nach Ende seines Freiwilligen Sozialen Jahrs bei der Berliner Stadtmission sein Engagement als hauptamtlicher Kältebus-Fahrer fortzusetzen.

„Das vergesse ich dir nie“

Um drei Uhr endet seine Arbeit. Die Bilanz der Nacht: Sieben Leute haben sie zu Unterkünften transportiert. Ein eher ruhiger Abend. Im Hinterkopf bleiben aber die viele Kontakte, mit 20 von ihnen haben sie lange Gespräche geführt. Dass sich allein daraus viel entwickeln kann, zeigt auch die Geschichte vom Drachenkönig. Am Folgetag besucht Tobias Hanßmann ihn wieder bei seiner Kältebus-Tour durch Berlin, diesmal mit einer anonymen Spende im Kofferraum. Die finsteren Augen des Mannes weichen auf, als Hanßmann ihm eine Gitarre als Geschenk überreicht. Der obdachlose Mann schaut ungläubig, kann sein Glück nicht verbergen. „Das vergesse ich dir nie“, sagt er und drückt den Kältebus-Helfer fest. Er fängt an zu spielen, und das sogar gut. Nur der Alkohol trübt seine Koordination. Umso mehr erfüllt seine kratzig-tiefe Bluesstimme die Umgebung.

Als der obdachlose Mann in den folgenden Tagen schwer an der Lunge erkrankt, ist das behutsam aufgebaute Vertrauensverhältnis plötzlich überlebenswichtig. Tobias Hanßmann bringt ihn in ärztliche Behandlung. Auf der neuen Krankenstation der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße kuriert er zurzeit sein Leiden aus.

Noch bis zum 31. März ist der Kältebus der Berliner Stadtmission täglich von 21 Uhr bis 3 Uhr unterwegs. Verständigen unter der 01785235838.

 

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